Flugzeugabsturz in Taipeh – Das Drama nach der Tragödie

Es gibt Bilder, von denen man beim ersten Anblick sofort weiß, sie auch noch in zehn oder zwanzig Jahren bei einem ähnlichen Anlass wiederzusehen. Die Bilder vom Absturz der Transasia Maschine in Taipeh sind solche.

Auf manche wird es vielleicht pietätlos wirken gerade bei dieser Tragödie eine Kritik über die Medien zu schreiben, aber ich finde ganz besonders in diesem Fall sollte eine saubere, respektvolle und umfassende Berichterstattung mehr denn je gegeben sein. Aber was ich in den letzten Tagen im Rahmen der Nachrichten über den Absturz (nicht zum ersten Mal) gesehen und gelesen habe, verläuft vom Niveau her so ähnlich wie die Flugkurve der Unglücksmaschine…

Tag 1: Ich erfahre erst relativ spät von den Ereignissen in Taipeh, so gegen 15 Uhr, zuerst über eine Nachricht von Line, kurz darauf das Video des Absturzes verlinkt auf Facebook. Unglaubliche Bilder. Ich schalte den Fernseher ein und sehe das Wrack im Keelong Fluss liegen. Die Stimmen der Nachrichtensprecher sind ungewohnt leise, gedämpft. Ich sehe Rettungskräfte, Trümmerteile, Bilder von Leichensäcken und den Überlebenden, die auf den Tragflächen auf Rettung warten. Alles aus größerer Entfernung aufgenommen.

Umschnitt. Ich höre einen Luftfahrtexperten, der anhand einer Grafik den vermeintlichen Ablauf des Fluges beschreibt. Er erwähnt das Mayday, Mayday, Mayday, Engine Flameout des Piloten und erklärt, was in diesen Momenten an Bord der Maschine geschehen sein könnte. Auch hier wieder sehr ruhig, sehr abgeklärt, sehr professionell. Nach einer halben Stunden weiß ich dann, was man zu diesem Zeitpunkt wissen kann und wende mich wieder der Arbeit zu. In den Abendnachrichten steigt die Dichte der Augenzeugenberichten dann an. Die entsprechenden Videos der Dashcams werden immer und immer wiederholt. Da es keine wirklich neuen Informationen außer der steigenden Zahl der Opfer gibt, schau ich mal, was die deutschen Medien darüber schreiben. Ich lande auf tagesschau.de und ärgere mich gleich mit dem ersten Satz, da er suggeriert, dass der Zusammenstoß mit der Brücke die Ursache des Absturzes ist. Und das obwohl das Video des Absturzes ebenfalls dort verlinkt ist. Besser macht es die SZ, zwar relativ knapp, aber dafür ohne Fehler. So richtig zufrieden bin ich aber trotzdem nicht. Ich wechsle also zu The Aviation Herald, einer privat betriebenen Webseite über Unfälle im weltweiten Luftverkehr, und lese dort detailliert die bisherigen Fakten und erste Einschätzungen von aktiven und ehemaligen Piloten.

Tag 2: Medial verbringe ich den Tag genau andersherum wie Tag 1. Auf The Aviation Herald lese ich Details zur Flugroute und den erreichten Flughöhen und wundere mich mit einigen Kommentatoren über den Absturz wegen eines ausgefallenen Triebwerks, was so eigentlich nicht passieren dürfte. Ich schau mir die Tagesschau um 20 Uhr als Video an. Die Formulierung mit der Brücke als Absturzursache taucht dort nicht auf, später in den 9 Uhr Nachrichten ist sie allerdings wieder da. Ich lerne, dass die Beiträge von unterschiedlichen Redakteuren gemacht werden, deren Informationen anscheinend nicht aufeinander aufbauen. Abends, in den Fernsehnachrichten Taiwan beginnt dann der mediale Sinkflug. Die Nachrichtenteams haben sich anscheinend aufgeteilt. Eine Hälfte verbleibt am Unglücksort und interviewt die Einsatzkräfte, die andere Hälfte schwärmt in die Krankenhäuser, um Reaktionen der Verletzten zu erhalten. Ich bin irritiert und frage mich, was Fernsehjournalisten auf Krankenhausfluren und an den Betten von Verletzten* zu suchen haben.

* wobei zumindest eines der Opfer anscheinend bereitwillig ein Interview im Krankenhausbett gegeben hat

Ich höre von der Geschichte des kleinen Jungen und seinen Eltern, die beim Start die Plätze gewechselt und deshalb überlebt haben sollen. Unterlegt mit trauriger Klaviermusik und Schwarzweißbild. Tagsüber waren auch die Computergrafiker fleißig und präsentieren eine Animation der letzten Sekunden des Fluges. Der Pilot wird als Held gefeiert, weil er kein Hochhaus gerammt hat, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch immer völlig unklar ist, warum er überhaupt in diese Lage geriet. Hoffnung auf mehr faktenbasierte anstatt tränenbasierte Berichterstattung keimt auf, als von der Bergung der Blackbox berichtet wird.

Tag 3: Ich lese in der Zeitung vom Unmut einiger Rettungskräfte über die Aufdringlichkeit der Fernsehreporter. Im Fernsehen höre ich nichts davon. Das kalte Wetter in Taipeh und die Strömung des Flusses gestalten die Suche nach den noch nicht geborgenen Opfern schwierig. Wie muss sich jemand fühlen, der erschöpft nach der Suche von Leichen im Fluss ein Mikrofon unter die Nase gehalten bekommt? Es wird berichtet von einer ums Leben gekommenen Flugbegleitern. Die gezeigten Bilder der jungen Frau natürlich von Facebook geklaut. Der Tragödie ein Gesicht geben heißt es dazu wohl in den Redaktionsräumen. Wurden da gerade ihre Eltern interviewt? Ich hab es nicht ganz mitbekommen, denn ich möchte abschalten.

Dann kommt die Meldung über die ersten ausgewerteten Daten des Flugschreibers. Kein Wort mehr über die vermeintlichen Heldentaten des Piloten, sondern das traurige Protokoll eines wahrscheinlich folgenschweres Fehlers. Wieder einmal kommt die Frage auf, wie es um die Sicherheit von taiwanischen Fluggesellschaften bestellt ist. Ist Transasia heute das, was China Airlines vor 20 Jahren war?

Tag 4: Taiwaner lernen aus den Nachrichten heute zwei Dinge. Zum einen aus welchem Material Neoprenanzüge bestehen (auf Chinesisch ist das nicht so offensichtlich wie auf Deutsch) und zum anderen, dass eine Herzdruckmassage Leben retten kann. Zur Geschichte des kleinen Jungen mit seinen Eltern von Tag 2 gehört nämlich, dass der Vater seinen bereits blau angelaufenen Sohn eigenhändig wiederbelebt hat. Er wird gefragt, wo er dies gelernt habe. Ich erinnere mich, wo ich es gelernt habe. Vor 17 Jahren für den Erwerb des Führerscheins. Ist schon lange her, aber wo ich den Druckpunkt ansetzen muss, weiß ich noch. Ich möchte meine Frau fragen, ob man in Taiwan für den Führerschein einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren muss, lasse es aber sein, um nicht noch gehässiger als ohnehin schon zu wirken. Damit kein falscher Eindruck entsteht. Dieser Vater ist ein echter Held. Ob gelernt oder nicht, in dieser Situation muss man erstmal die Nerven haben!

Es wurden weitere Todesopfer gefunden, deren Namen, Fotos (sehr wahrscheinlich wieder von Facebook geklaut) und Fundorte fein säuberlich auf der Karte dargestellt sind. Routine. Die Suchzone für die noch nicht gefundenen Opfer wird ausgeweitet bis ins Meer. Im weiteren Verlauf der Nachrichtensendung wird nochmals ausführlich über die Aufzeichnungen der Blackbox gesprochen und analysiert. Mal wieder ein Ausschnitt von CNN. In den letzten Tagen flossen immer wieder kurze Szenen aus ausländischen amerikanischen Medien ein. Auch dort wird das wahrscheinliche Szenario, quasi als Bestätigung der heimischen Einschätzung, genannt: Abschaltung des falschen Triebwerks. Pilotenfehler. Ganz genau, wenn überhaupt, wird man es allerdings erst nach Abschluss sämtlicher Untersuchungen wissen, die sich über Monate, gar Jahre erstrecken könnten.

Tag 5: Ich sehe Dutzende Rettungskräfte im Fluss. Sonst nichts. Die Luft ist raus. Ich versuche noch ein paar Minuten dran zu bleiben, bis wieder ein Überlebender, Angehöriger, Mutter, Schwester, Kinder des Piloten interviewt wird. Ich schalte ab….

Was bleibt ist das Gefühl, das praktisch alle Beteiligten etwas verloren haben. Die Todesopfer ihr Leben, die Überlebenden ihre Würde, die Fluggesellschaft das Vertrauen. Ich frage meine Frau, was wohl über uns berichtet worden wäre, wenn wir in diesem Flugzeug gesessen hätten. Sie hat darauf keine Antwort. Ich auch nicht. Sie wäre wahrscheinlich auch zu verstörend.

3 Gedanken zu “Flugzeugabsturz in Taipeh – Das Drama nach der Tragödie

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