Geiselnahme in Kaohsiung – ganz anders als im Kino

Mensch, man kommt ja aus dem Nachrichten gucken in Taiwan gar nicht mehr heraus. Da hatte sich der mediale Sturm um den Transasia Absturz gerade gelegt, da platzt bereits die nächste Meldung über die Geiselnahme in einem Gefängnis in Kaohsiung herein. Meine Frau berichtet mir nebenher von obskuren Stimmen aus dem Internet, die aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse bereits eine Verschwörung von [du weißt schon wer] wegen [du weißt schon was] vermuten. Wusste gar nicht, dass man Sonnenblumen auch rauchen kann! False Flag auf Chinesisch heißt übrigens 假旗 (jia3 qi2), könnte irgendwann mal nützlich sein … genauso wie 偏執狂 (pian1 zhi2 kuang2): Paranoia.

Die deutschen Medien haben nicht so wirklich darüber berichtet. Tagesschau gar nix, SZ und Zeit Online mit einem Reuters Video, immerhin der Tagesspiegel mit einer Textmeldung. Kann ich auch aber irgendwie verstehen, denn richtig Action war nicht wirklich drin. Es fehlten wohl einfach die nötigen Kameras. Stattdessen konnte man sich Hundertschaften von Polizisten vor dem Gefängnis ansehen, von denen einzelne kleine Gruppen immer mal wieder mit der MP im Anschlag im Gleichschritt von hier nach dort gelaufen sind. Keine Ahnung warum.

Man hat also genügend Zeit herauszufinden, was im Einzelnen in etwa abgelaufen ist. Das Problem dabei: Das was ich am ersten und zweiten Tag darüber lese, unterscheidet sich in den Details von dem, was ich am dritten und vierten Tag lese. Daher hier als nur grobe Zusammenfassung:

Häftlinge überwältigen einen Wärter und einen als Ersatz für seinen Militärdienst im Gefängnis arbeitenden Zivi (!!!), bedienen sich aus der Waffenkammer, wollen durch den Haupteingang fliehen, geht aber nicht weil der abgeschlossen ist (echt jetzt?), wollen durch den Seiteneingang fliehen, der aber bereits durch Polizisten gesichert ist (ach nö!) und verschanzen sich anschließend irgendwo im Gefängnis mit ihren Geiseln. Später lassen sich der Oberwärter und Vize-Gefängnisdirektor für die beiden eintauschen und noch etwas später der Gefängnisdirektor für den Vize-Gefängnisdirektor. Die Geiselnehmer verlangen zwei vollgetankte Autos, kriegen sie aber nicht. Der Dialog darüber ging vielleicht so:

Geiselnehmer: Wir wollen zwei vollgetankte Autos!

Verhandler: Nö!

Geiselnehmer: Ok.

Dafür bekommen sie was zum Essen, Bier und zwei Flaschen Kaoliang. Vorher haben der Gefängnisdirektor und der Anführer der Geiselnehmer noch Gelegenheit per Telefon ein wenig in einer Talkshow zu plaudern (ich will das gar nicht weiter ausführen, weil mir der Talkshow-Typ so dermaßen auf den Sack geht). Spät in der Nacht wird versucht, eine von Journalisten steigen gelassene Drohne abzuschießen. Am frühen Morgen beschließen sie sich gegenseitig abzuschießen und am Ende sind alle tot. Die beiden Geiseln bleiben unverletzt und geben bald darauf schon Interviews.

Und ich hab da mal eine Frage und bin gleichzeitig überrascht, wie viel kriminelle Energie in mir schlummert: Warum nimmt man eigentlich Geiseln, wenn man sie nicht zur Durchsetzung seiner Forderungen als Druckmittel einsetzt? Und warum mit sechs Leuten nur zwei Geiseln?

In ersten Berichten hab ich gelesen, dass die Geiselnehmer auch gegen die ihrer Meinung nach unzureichenden Haftbedingungen protestieren wollten. Ich kann dazu mangels eigener Erfahrung eigentlich nichts zu sagen. Nur so viel, dass ich in den vergangenen Jahren aus verschiedenen Berichten den Eindruck gewonnen habe, dass es in taiwanischen Gefängnissen wirklich nicht so dufte zugeht. Der Fluchtversuch und die Geiselnahme und die Selbstmorde also der Ausdruck frustrierter Häftlinge?

Interessanterweise ist es so, dass ich jetzt ein paar Tage später nichts mehr von unzureichenden Haftbedingungen lese, sondern nur noch der Fluchtgedanke als Tatmotiv eine Rolle spielen soll. Hm. Gleichzeitig gibt es bereits 36 Stunden nach Ende der Geiselnahme einen Bericht über die Umstände und Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheit: Mehr Kameras, mehr Kontrollen, mehr Einschränkungen.

Das Thema Haftbedingungen scheint, außer wenn es um Chen Shui-bian geht, in Politik und Gesellschaft keinen großen Stellenwert zu haben. Damit wir uns nicht falsch verstehen. Mir für mich besteht kein Zweifel, dass die sechs richtig schwere Jungs waren, die zu Recht hintern Gittern saßen. Man könnte also meinen, wegschließen und vergessen schadet da nicht viel. Und da liegt der Knackpunkt. Nach dem Gleichheitssatz ist der Fall A-Bian tatsächlich bedenklich in der Hinsicht, dass sich ein normaler Häftling niemals von einem renommierten und mehrköpfigen Ärzteteam hin auf seine Hafttauglichkeit wird untersuchen lassen können. Wir reden hier ganz nebenbei von ganz elementaren Menschenrechten, auf deren Einhaltung Taiwaner in der Regel (zu Recht!) ja ziemlich stolz sind. Nun weiß ich nicht, ob sich die Geiselnehmer vor ihrer Aktion mit verfassungsrechtlichen Grundlagen beschäftigt haben. Ist auch egal. Wichtig ist, dass die Tat zum Anlass genommen wird, mal genauer da hinzugucken, wo man allzu gerne und einfach lieber wegschaut.

PS: Taiwan Heute veröffentlichte einen hervorragenden Artikel zu diesem Thema!

Meine Empfehlung für alle, die nach deutschsprachigen Nachrichten in Taiwan suchen.

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