Die bösen Geister von Guangfu

Nazis. Wenn man sich ein Thema vorstellt, mit dem man das politisch und gesellschaftlich sehr bescheidene Jahr 2016 beenden könnte, dann ist es wohl das Thema Nazis.

Schlimmer noch: Nazis an Heiligabend.

In Taiwan ist in den letzten Tagen ein Vorfall an der privaten Guangfu High School in Hsinchu durch die Medien gegangen, der zu einer sehr kontroversen Diskussion in sozialen Netzwerken, offiziellen Stellungnahmen des Deutschen Instituts und des Wirtschafts- und Kulturbüros Israels, mehreren taiwanischen Ministerien und dem Rücktritt des Schulleiters führte.

Durch Anklicken der obigen Links sollte sich jeder ein eigenes Bild von der Geschichte machen können.

Wie kann so etwas eigentlich passieren? Fragen sich mit Sicherheit viele und im ersten Moment herrschte auch in mir eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Wut und dieses Gefühl, was in Internetforen immer so gerne als Kopf –> Tisch beschrieben wird.

Kann man wirklich auf einem Schulfest eine Naziparade nachstellen und dabei sämtliche Anzeichen einer möglichen Distanzierung ignorieren?

Man kann. Allerdings nicht aus Böswilligkeit, auch nicht durch Blödheit, sondern einfach durch Unwissenheit.

Den an dieser Parade teilnehmenden Schülern kann und sollte man keinen großen Vorwurf machen. Worauf man an dieser Stelle allerdings hinweisen sollte, ist meine eigene Erfahrung, dass die Nazizeit für einige Jugendliche in Taiwan eine gewisse Faszination ausübt. Auf Facebook gibt es mehrere taiwanische Gruppen, die sich mit dem Deutschen Reich befassen und deren Beiträge mitunter als sehr grenzwertig anzusehen sind. Zudem sind Nazisymbole in Taiwan frei und problemlos erhältlich, bis hin zu kompletten Kostümsammlungen, wie am Beispiel der Schule und auch hier zu sehen.

Leider, muss man sagen, ist Taiwan je nach regierender Partei wohl viel zu sehr mit seiner eigenen Geschichte beschäftigt als das Zeit für die Auseinandersetzung mit der Geschichte anderer Länder bestünde.

Was sich zum Glück ja jetzt ändern könnte. Und was auch sein muss. Dennoch bleibt bei mir das ungute Gefühl, das wohl immer erst das mit Abstand größte Fettnäpfchen getroffen werden muss, bevor überhaupt der Ansatz eines Umdenkens entsteht. Hätte unser eins dem taiwanischen Bildungsministeriums eine bessere oder überhaupt eine Befassung mit der Nazizeit im Schulunterricht vor dieser Geschichte empfohlen, wäre dieser Vorschlag mit Sicherheit ganz freundlich weggelächelt worden. Zumal er von einem Ausländer gekommen wäre…

Es ist nämlich beileibe nicht so, dass alle Taiwaner die Empörung über dieses Ereignis teilen. Der Facebook Beitrag des Deutschen Instituts gibt für den Chinesischkundigen ein interessantes Spiegelbild der taiwanischen Meinung wider.

Viele Taiwaner bedauern diesen Vorfall, einige entschuldigen sich sogar im Namen Taiwans, obwohl ich dafür keinen Anlass sehe … andere wiederum weisen auf das schlechte Schulsystem hin, an dem natürlich nur die ________ (verhasste Partei bitte einsetzen) Schuld ist, andere auf die Verbindung zwischen Nazideutschland und der Republik China (sehr lesenswerter Wikipedia-Artikel!) und einige sind der Meinung, dass solange Deutschland und Israel die Ein-China Politik verfolgen und die Republik China (Taiwan) nicht als eigenen Staat anerkennen, sie überhaupt kein Recht hätten auch nur irgendwas an Taiwan zu kritisieren.

Das Verhältnis der unterschiedlichen Reaktionen liegt meines Erachtens genauso, wie ich es auch sonst in Taiwan erlebe: 30-40-30, d.h.

30%, welche sich mit den Belangen anderer Länder befassen und die Geschehnisse dementsprechend einordnen können

40%, welche die Belange anderer Länder zwar erkennen, aber bei der erstbesten Gelegenheit wieder zur Innenpolitik Taiwans wechseln

30%, welche sich von der Mehrheit der Staaten der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen fühlen und sich daher für deren Belange nicht interessieren oder nur negativ darstellen möchten

Interessant daher dieser Artikel der Taipei Times und die Aussagen des Vorsitzenden der (chinafreundlichen) New Party Yok Mu-ming:

Separately yesterday, New Party Chairman Yok Mu-ming (郁慕明) issued a statement urging the Presidential Office to apologize to the students for throwing them under the bus over the cosplay event simply because of opposition from Westerners.

“It was just a student event that school authorities did not have a hand in creating the content for, as it was aimed at facilitating creativity … not advocating Nazi ideology,” Yok said, adding that the public had blown the issue out of proportion.

Yok said the real “modern Nazis” are the DPP government, which has beautified the Japanese colonial era, as well as members of the 2014 Sunflower movement who cut classes, staged demonstrations and illegally occupied government buildings.

Wer meint, dass Ausländerfeindlichkeit, Verharmlosung der Geschichte und stumpfer Populismus eine deutsche  oder amerikanische Spezialität des Jahres 2016 sei, der kennt sich wahrscheinlich noch nicht genug mit taiwanischer Innenpolitik aus. Anderes als in Deutschland und in den USA, sind die Taiwaner aber schlau genug, solchen Vögeln kein politisches Mandat zu erteilen.

Was bleibt also?

Zum einen die Hoffnung, dass die Schüler, Lehrer und Schulbehörden etwas aus dieser Sache lernen, obwohl ich mich jetzt nicht der Illusion hingeben würde, dass sich etwas Grundlegendes am taiwanischen Schulsystem ändern wird.

Zum anderen die nach wie vor für mich sehr traurige Erkenntnis, dass ich mich mit den meisten Taiwanern weiterhin nicht neutral über welthistorische und weltpolitische Themen unterhalten kann.

Zum Schluss noch ein weiterer Gedanke:

Man ist bei so einer Sache ja immer schnell dabei, den Schulen Unfähigkeit zu unterstellen. Und natürlich trifft hier ein gewisser Grad der Unfähigkeit auch zu, denn der verantwortliche Lehrer hätten sich um die Symbolik nicht nur sorgen müssen. Laut Aussage des Lehrers hatte er die Klasse bei der Abstimmung über dieses Thema schon darauf aufmerksam gemacht, dass es falsch aufgefasst werden könnte, die Klasse aber trotzdem weiterhin gewähren lassen.

Andererseits habe ich mir mal überlegt, inwiefern ich etwas über die Geschichte Asiens während meiner Gymnasialzeit in den neunziger Jahren gelernt habe und komme dabei auf das Ergebnis: 0

Sollte es bei dir anders gewesen sein, dann poste doch bitte einen Kommentar, denn ich zweifle etwas daran, dass im deutschen Geschichtsunterricht derselbe Stand zu Asien herrscht, den sich einige jetzt für den taiwanischen Geschichtsunterricht zu Europa wünschen.