Der totale Blog!

So es ist vollbracht! Der Dauerregen und ein merkwürdiger Anflug von Arbeitseifer haben mich dazu gebracht, ein längst überfälliges Projekt zu Ende zu bringen: Der totale Blog!

Sämtliche Artikel aus sämtlichen Blogs (insgesamt 5) aus sämtlichen Jahren (insgesamt 11) in einem einzigen Blog (nämlich diesen). An dieser Stelle möchte ich gleichzeitig diejenigen um Entschuldigung bitten, denen die unbeabsichtigten Benachrichtigungen über neue, aber eigentlich alten Artikel, schon Sorgen gemacht haben. Ich kann leider nicht nachvollziehen, warum WordPress der Meinung ist, über bereits veröffentlichte aber auf Privat gestellte und jetzt wieder auf Veröffentlicht gestellte Artikel erneut zu benachrichtigen. So wichtig sind sie dann auch wieder nicht. Hab aber auch keinen Weg gefunden, das zu unterbinden.

Ich werde zudem sehr wahrscheinlich noch einen Blog Guide schreiben müssen, damit man sich im Gewirr der verschiedenen Kategorien nicht verliert und zumindest noch zum Teil den Überblick behalten kann, aber dafür bin ich jetzt zu müde. Hab heute weit über 100 Artikel komplett gelesen und bis zu 10 Jahre alte Rechtschreibfehler korrigiert, Layouts angepasst, Links gecheckt, mich bei manchem Artikel vor Scham in die Ecke gestellt und oftmals in Erinnerung geschwelgt. Ich hätte nicht gedacht, dass mir gerade die ersten Artikel auf Englisch über das erste Jahr in Taiwan so stark den Eindruck vermitteln, was für ein enthusiastisches Kerlchen ich doch mal gewesen bin! 😉

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Das schönste Theaterstück der Welt

So manche Themen scheinen sich irgendwie mit aller Macht aufdrängen zu wollen, zumindest habe ich beim Thema Hochzeit in diesem Monat stark den Eindruck. Das fing damit an, dass ich auf der Facebook Seite meiner Heimatzeitung in Deutschland einen kleinen Shitstorm bewundern durfte, weil das örtliche Standesamt am 15.5.15, den Freitag nach Vatertag Christi Himmelfahrt, wegen eines Brückentages geschlossen hatte und so manches Brautkleid bis zum 16.6.16 vielleicht nicht mehr passt, wenn man denn unbedingt an einem „besonderen“ Datum heiraten möchte. Weiter ging es mit dem 20.5.15 in Taiwan, oder besser gesagt mit dem 5/20 in taiwanisch-amerikanischer Schreibweise, an dem die Standesämter in Taiwan gestürmt wurden, weil die Zahlen 5, 2 und 0 im Chinesischen ja so ähnlich klingen sollen wie das chinesische „Ich liebe dich“. Das stimmt zwar ganz und gar nicht, aber wir wären nicht in Taiwan, wenn es nicht die meisten Leute trotzdem glauben würden. Und die Krönung war jetzt, dass ich gerade von einer Hochzeitsfeier wieder nach Hause gekommen bin, welche jetzt die neunte oder zehnte innerhalb der letzten zwei Jahre war. Fast nur Gleichaltrige im Freundes- und Bekanntenkreis zu haben, macht sich bei diesem Thema halt mit voller Wucht bemerkbar.

Dabei gehören Hochzeiten in Taiwan eigentlich zu den Themen, über die ich zwar schon oft genug nachgedacht, aber dennoch immer wieder verworfen habe, denn die Gefahr ist meines Erachtens hier ziemlich hoch, dass jemand das Geschriebene in den falschen Hals bekommt. Deswegen gleich mal vorweg als Shitstorm Präventionsmaßnahme: soll jeder so machen, wie er und sie will, solange er und sie damit glücklich sind.

Ich bin hier aber auch nicht der Einzige mit dieser Meinung, denn es gab da noch eine Begebenheit, die sich bei der letzten Hochzeitsfeier (also vor ungefähr zwei Monaten) zutrug. Dort hatte ich einen anderen Ausländer getroffen und ich ihm die Frage gestellt, was er denn so von Hochzeiten in Taiwan halte und das kurze Verdrehen der Augen und der gequälte Gesichtsausdruck ließen mich wissen, dass ich hier einen Gleichdenkenden gefunden habe. Falls sich nämlich jemand fragen sollte, wie alle normalen Hochzeitsfeiern in Taiwan aussehen, so braucht dieser jemand nur einer normalen Hochzeitsfeier beizuwohnen. Alle anderen sind dann zu 99% identisch. Ich verspüre jetzt allerdings nicht den Drang, das Prozedere in allen Einzelheiten hier zu beschreiben und freue mich an dieser Stelle, dass dies einige Landsleute bereits für mich erledigt haben. Danke dafür!

Was mich viel mehr umtreibt ist die Frage, warum sich das praktisch alle Brautleute in Taiwan antun. Ich muss dazu übrigens noch ein bißchen weiter ausholen. Vor 10 Jahren habe ich mich hier in Taiwan mal mit einer deutschen Soziologin über das damalige Wretch-Phänomen unterhalten. Wretch.cc war damals eine Plattform für Fotoalben und Blogs, noch lange vor Facebook, auf der gefühlt 99% aller Schülerinnen und Studentinnen und 98% aller Schüler und Studenten ihre Fotos hochladeten, vom Umfang und der Sichtbarkeit für die Öffentlichkeit noch um ein einiges höher und weiter als es bei Facebook jemals gewesen ist (in Taiwan kann man daher ironischerweise fast sagen, dass Facebook eher zum Schutz der Privatsphäre beigetragen hat als andersrum). Das Wort Selfie gab es übrigens noch nicht, obwohl es in Taiwan schon fleißig praktiziert wurde. Damals als Taiwan-Neuling war ich darüber natürlich stark verwundert, und das obwohl ich damals schon einige Jahre lang Webseiten/Blogs geschrieben habe.

Es gab ihrer Meinung nach aber einen ganz einfachen Grund dafür. Ich hab jetzt nicht die entsprechenden Fachbegriffe auf Lager, aber im Grunde ist es so: Das taiwanische Bildungssystem ist ja sehr auf Gleichförmigkeit fixiert. Schuluniformen, kein Ausleben der eigenen Persönlichkeit in der Pubertät (vor 20-30 Jahren war Makeup, Dauerwelle, lackierte Fingernägel bei Mädels oder Ohrringe bei Jungs an den meisten Schulen in Taiwan noch undenkbar …. deswegen traut sich keine Taiwanerin über 30 heute Fotos aus der High School zu zeigen, fragt mal nach ;)) also insgesamt eine Umgebung, die in ihrer Gleichheit eher dem Militär nahe kommt.

Später an der Universität, für viele auch das erste Mal die Gelegenheit dauerhaft von zu Hause weg zu sein, möchte das natürlich von einem Großteil alles nachgeholt werden und auf Wretch gab es damals auch die gesamte Palette von den biederen Braven bis zu den provokant Promiskuitiven zu sehen. Alles recht einleuchtend, denn machen wir uns nichts vor. Taiwaner geben sich nach außen hin gern sehr offen und tolerant, sind aber oftmals in einem Netz aus Traditionen gefangen und ich sage bewusst gefangen, weil mir dies jetzt bereits mehrmals im Vertrauen genau so beschrieben wurde. Später nach der schönen Zeit an der Uni geht es dann ins Berufsleben und wer sich auch nur ein wenig in Taiwan auskennt, der weiß, dass für viele taiwanische Chefs die Kreativität und Individualität von Mitarbeitern in etwa so erstrebenswert ist wie die Bekanntschaft mit dem Norovirus….

Bei all der Gleichmacherei sollte man doch also davon ausgehen, dass zumindest der schönste Tag im Leben etwas ganz Einmaliges, Individuelles, Kreatives, Spontanes, Verrücktes sein sollte. Aber vergesst es!

Wie bereits oben gesagt, bitte nicht falsch verstehen! Ich freue mich für jedes Brautpaar, auf dessen Hochzeit ich eingeladen werde, schließlich sind es meine Freunde (…ich gehe prinzipiell nicht zu Hochzeiten von Leuten, mit denen ich im normalen Leben nie wirklich was zu tun hatte oder habe, ich aber aus welchen Gründen auch immer eingeladen wurde), nur würde ich mich auf der Hochzeitsfeier meiner Freunde auch gerne als solcher Freund fühlen und nicht als Teilnehmer einer bis ins letzte Detail einstudierten Choreografie. Die einzige persönliche Ausnahme davon ist der Besuch der Braut vor der eigentlichen Show in der Garderobe, also eigentlich durch meine Frau, aber ich darf netterweise immer mit rein 🙂

Dort herrscht dann irgendwie immer genau so eine Atmosphäre wie früher vor den Theaterauftritten. Ich hab in meiner Studienzeit in Taiwan und auch noch danach ja öfters mal bei den deutschen Theateraufführungen taiwanischer Studenten mitgeholfen und was mir neben der tollen Entwicklung der Studenten in Erinnerung blieb, ist diese besondere Stimmung, wenn man in der Garderobe sitzt und die Zuschauer draußen bereits hört und man weiß, dass es jetzt in wenigen Minuten gleich losgehen wird.

Und es gibt noch weitere Parallelen. Denn genau so wie wir damals Moderatoren, Empfangsleute und Leute am Funk zur Kommunikation mit der Technik gehabt haben, genau so werden ja auch Hochzeitsfeiern in Taiwan begleitet.

Allerdings ist es im Theater sehr wahrscheinlich stets unterhaltsamer, weil dort in der Regel immer etwas Neues und Überraschendes geboten wird. Bei taiwanischen Hochzeiten beschränkt sich die Überraschung für mich mittlerweile auf den Inhalt der Speisekarte, denn …. und jetzt kommt es ganz dicke …. ich steh nicht so auf Meeresfrüchte. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist, aber je teurer das Essen, desto weniger mag ich es! Generell ist es so, dass ich mit dem ganzen Tamtam nicht wirklich was anfangen kann. Zu viel, zu laut, zu künstlich. Ich halte es für bedenklich, dass ich so manche Braut auf den Hochzeitsfotos gar nicht mehr richtig erkennen kann, weil die Aufmachung nichts, aber auch gar nichts mehr mit dem eigenen Stil gemeinsam hat. Schön sind sie alle, denn ich weiß, dass Taiwan über jede Menge wirklich guter Stylisten verfügt. Aber genau so muss es laut Drehbuch ja auch sein.

Man muss es sich nur mal auf der Zunge zergehen lassen. Eine Braut auf einer taiwanischen Hochzeit mit einem weißen Brautkleid, wobei Weiß in der chinesischen Kultur ja allgemein als Farbe der Trauer gilt. Sicherlich, das mit dem Brautkleid wird mittlerweile seit Jahrzehnten in Taiwan so gemacht und ich scheine wohl der Einzige zu sein, der sich über diese sinnlose Vermischung asiatischer und westlicher Bräuche noch wundert und dies auch irgendwie bedauert. Dies und das Gedudel von Bruno Mars. Was würde ich darum geben, mal bei einer Hochzeit oder generell einer traditionellen Zeremonie der Ami oder Atayal dabei zu sein, einfach mal um etwas komplett ohne westlichen Einfluss zu erleben.

Aber Moment wird sich der ein oder andere jetzt denken. Der Herr Taiwanoca ist doch auch schon lange verheiratet, also muss er diesen Zirkus doch selbst bereits mitgemacht haben. Nicht wirklich und das gleich aus mehreren Gründen. Meine allererste Hochzeit in Taiwan war nämlich zufälligerweise meine eigene! 😉 Ich habe wirklich erst bei späteren Hochzeitsfeiern meiner Freunde und Kollegen erfahren, wie es dort eigentlich abläuft. Für uns war sowas zudem allein aus organisatorischen und finanziellen Gründen gar nicht möglich. Heute, mehr als acht Jahre später, überkommt mich natürlich manchmal das schlechte Gewissen, meiner Frau damals nicht das gleiche geboten haben zu können. Sie macht mir darüber aber keine Vorwürfe (zumindest keine von denen ich weiß…), sondern sieht es als Folge dessen, was wir nun mal in Taiwan sind: nämlich ein ziemlich besonderes Paar. Vielleicht werden wir uns mal den Spaß eines Hochzeitsalbums gönnen, vielleicht auch nicht. Eigenständig zu entscheiden ist was Tolles.

Was ich allerdings auch bereits an mehreren Stellen gelesen habe, ist die Aussage, dass viele Hochzeitspaare in Taiwan den ganzen Trubel weniger wegen sich, sondern eher ihren älteren Verwandten zu Liebe veranstalten. Ich kann leider nicht beurteilen, inwiefern heute ältere Taiwaner aus Treue zur Tradition noch darauf bestehen oder vielleicht aus zu viel Respekt und kindlicher Pietät nach gar nichts anderem gefragt werden. Erfahrungsgemäß liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte.

Aber selbst wenn es so wäre, dann könnte man doch trotzdem ein wenig Individualität einfließen lassen. Es muss jetzt niemand sein Haus umbauen, um 200 Gäste beherbergen zu können, aber wenn man sich schon für so ein Hochzeitszentrum mit 5 parallel stattfindenden Hochzeitsfeiern entscheidet, wie wäre es denn mal mit einer Mottofeier, keine Ahnung was, meinetwegen Hello Kitty. Irgendwas, das Spaß macht und woran man sich auch in 20 Jahren noch gerne erinnert. Von außen wird Taiwan ja gerne als so ein bißchen verrückt und überdreht dargestellt (wie es z.B. Pro7 mit der Betty goes Taiwan Reihe versucht) und im Alltag gibt es ja tatsächlich ziemlich viele kleine Verrücktheiten, die das Salz in der taiwanischen Suppe ausmachen. Von daher, mein Wunsch, keine Forderung: Pfeffert doch auch mal eure Hochzeitsfeiern ein wenig an. Macht was eigenes und serviert nicht immer einen Einheitsbrei. Jeder gestandene Ehepartner wird bestätigen, dass eine Ehe durch Abwechslung spannend gehalten wird. Warum sollte dann also ausgerechnet die Hochzeitsfeier als offizieller Start in die Ehe ein Prozedere ohne Abwechslung sein?

Ich brauch jetzt wirklich ne Dashcam!

Auto, Motorroller, Taiwan: Mehr braucht es gar nicht, um eine schier endlose Zahl von Geschichten zu produzieren. Falls jemand noch eine Idee für einen speziellen Blog über Taiwan sucht, einem Taiwan Traffic Blog würde es mit Sicherheit niemals an Output mangeln.

Warum brauche ich jetzt nun eine Dashcam? Ich bin ja eigentlich kein Vielfahrer, sondern nutze nur ein oder zwei Mal im Monat das Auto meines Schwiegervaters, wenn ich mal wieder auf den tollen Autobahnen in Taiwan cruisen möchte. Bislang habe ich dieses Gedöns (kostet ja auch Geld) für nicht unbedingt erforderlich gehalten, aber die folgende Geschichte hat mich jetzt doch umgestimmt.

Focus Taiwan … und das hier nur mal als Anmerkung: ich bin auch nicht gerade von der Gesamtqualität von Focus Taiwan begeistert, aber die anderen englischen Nachrichtenquellen schreiben außer den eigenen Leitartikeln sowieso nur die Meldungen von Focus Taiwan ab, deswegen ist es nun mal die Primärquelle für englische Nachrichten in Taiwan … also Focus Taiwan berichtet vom Botschafter Honduras in Taiwan, der am Sonntag mit seinem Auto in Tamsui (Danshui) einen Unfall mit einem 15-jährigen Rollerfahrer hatte. Die Dashcam seines Autos zeigt den Unfallhergang recht deutlich: Der Rollerfahrer nimmt ihm an einer Ampelkreuzung ganz klar die Vorfahrt.

Der honduranische Botschafter, erst seit Januar in Taiwan, macht an der Unfallstelle aber deswegen jetzt kein Fass auf, sondern wartet mit dem Jungen 30-40 Minuten bis zum Eintreffen dessen Vaters, hinterlässt dann seine Visitenkarte und bietet der Familie an, den Schaden am Auto außerpolizeilich zu regeln.

Stattdessen meldet sich am nächsten Tag die Mutter des Jungen auf Facebook zu Wort und beschuldigt den Botschafter ihren Sohn angefahren, ihm seine Visitenkarte zugeworfen und dann einfach weitergefahren zu sein.

Mal ganz abgesehen von der allgemeinen Hinterfotzigkeit dieses Verhaltens….so ganz mit der Logik scheint es Mom auch nicht zu haben, denn wenn ich schon vom Tatort flüchte, dann würde ich mit Sicherheit nicht wissentlich meine Visitenkarte hinterlassen, vor allem nicht wenn darauf höchstwahrscheinlich „Botschafter von Honduras“ steht.

Aber man kanns ja trotzdem mal versuchen, vielleicht gerade auch aus diesem Grunde. Es gibt eben auch wirklich schlechte Menschen in Taiwan und gerade als Ausländer ist das Risiko von solchen Leuten abgezockt zu werden noch etwas höher, denn wie jeder weiß können wir Ausländer ja gar nicht so schnell scheißen wie uns das Geld in Taiwan in den Arsch gesteckt wird, deswegen werden wir mit den Jahren auch immer fetter (man merkt hoffentlich, dass mich die Geschichte tierisch aufregt!).

Normalerweise sollte mich diese Meldung als Taiwan-Dekadent* nicht sonderlich erschüttern, tut es aber doch, weil der Herr Botschafter für seine Gutmütigkeit, andere werden vielleicht sagen Naivität, so dermaßen ungerecht bestraft wurde. Nicht im rechtlichen Sinne, aber aus irgendeinem Grunde haben es die Anschuldigungen der Mutter angeblich sogar bis in die honduranischen Medien geschafft, allerdings ohne die klärenden Worte des Botschafters, ein Rufmord von der anderen Seite des Planeten ist schon eine große Sache.

Als Fazit bleibt, dass ich mich jetzt schleunigst nach einer Dashcam für das Auto umsehen werde. Schwiegerpapa wird es wahrscheinlich freuen, sagt er doch immer, dass solch ein Gedöns zu teuer und unnütz sei, er sich hinterher aber auch nicht beschwert, wenn ich es dann gekauft habe 😉

* jemand der eine Dekade oder länger in Taiwan lebt und sich so manchen negativ-formosen Schwingungen nicht mehr widersetzen kann (wer Ironie findet, darf sie behalten oder beim Recyclingwagen abgeben, wir haben nicht so viel davon in Taiwan)

Harte Homos in Haft?

Man könnte ja meinen, dass jetzt zu Beginn des Sommers in Taiwan, wo sich die Hotpants in Micropants verwandeln und man in der Öffentlichkeit auch Sachen zu sehen bekommt, die doch vielleicht lieber vom Wintermantel hätten bedeckt bleiben sollen (gibt natürlich auch Ausnahmen, hab ich gehört…), da könnte man also meinen, dass man in Taiwan eigentlich recht entspannt auf leichte Fälle von „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ reagieren würde. Ist aber anscheinend nicht so.

Was war passiert? Also für die folgende Geschichte gibt es natürlich keine Gewährleistung, dass die Einzelheiten auch wirklich so stimmen, denn wir bewegen uns hier nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes, sondern auch medial hart unter der Gürtellinie, aber da müssen wir jetzt durch: Focus Taiwan berichtet von einem Video „im Internet“, dass zwei Männer in einem fahrenden Zug beim Oralverkehr zeigt. Dieses Video tauchte dann später irgendwo „im Internet“ auf und das moralische Vorbild aller Medien in Taiwan, die Zeitung Apple Daily, berichtete darüber (natürlich mit dem Video) und machte die Bahnpolizei darauf aufmerksam. Ich setze hier ja mal extra keinen Link zu Apply Daily, weil man Scheiße auch finden kann, ohne mit der Nase darauf gestoßen zu werden (warum sind eigentlich alle Firmen mit Apple im Namen so unsympatisch?). Wer sich die Story im Original durchlesen möchte, der braucht nur nach 口交 auf der Webseite zu suchen und sich aus den 3.755 Artikeln aus den letzten 12 Jahren die aktuellsten durchlesen.

Boah, Taiwanoca übertreibt doch schon wieder! 3.755 Artikel mit dem Stichwort Oralsex, so ein Blödsinn!!

Wirklich?!

applebj

Ok…

Die Bahnpolizei ermittelt nun daraufhin den genauen „Tatort“ und die „Verdächtigen“ und verhaftet diese wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und Verbreitung obszönen Materials. Der Tatort war ein Regionalzug der Pingtung Linie kurz vor Fengshan um die Mittagszeit, also eigentlich tote Hose. Allerdings nicht für die „Verdächtigen“, die als ein 34-jähriger „Bläser“ und 32-jähriger „Empfänger“ und einen 47-jährigen „Filmer“ identifiziert werden. Sie sollen sich in einer Chatgruppe bei Line zu der „Tat“ verabredet und das Video dann innerhalb dieser Chatgruppe verbreitet haben. Ein vierter „Verdächtiger“, nennen wir ihn „Whistleblower“ (hihi), sieht das Video „im Internet“ und lädt es auf sein OneDrive hoch (hihi), weil er denkt, dass es lustig sei, wenn andere Leute so was sehen. Danach wird es dann merkwürdig, deswegen muss ich mal kurz zitieren:

Police said they were able to nab Cheng after they hacked into Cheng’s Microsoft cloud storage account.

Bitte was? Die taiwanische Bahnpolizei hackt sich in das System eines amerikanischen Konzerns, um einen Sittenstrolch dingfest zu machen? So weit ich weiß werden Cyberangriffe auf amerikanische Server von den USA als Terrorangriffe mit den entsprechenden Konsequenzen eingestuft. Focus Taiwan sollte sich vielleicht lieber mal einen anderen Blödsinn ausdenken oder eben halt die harmlosere Variante schreiben, dass man sich von Microsoft Taiwan wahrscheinlich die IP-Adresse hat geben lassen.

Wie dem auch sei, bei mir als Leser ergeben sich mindestens drei Fragen.

Zum einen: Wer erregte hier eigentlich den öffentlichen Ärger? Laut Meldung habe zum Zeitpunkt der „Tat“ nur ein weiterer Fahrgast im Zugwagon gesessen, der anscheinend gar nichts davon mitbekommen hat. Ein „Motiv“ der „Verdächtigen“ soll ja die Provokation gewesen sein, warum man sich dafür allerdings einen Provinzzug um die Mittagszeit ausgesucht hat, bleibt unklar. Wieder mal mehr Schein als Sein, wie so oft in Taiwan. Ist es nicht eher so, dass erst die „Enthüllung“ durch Apple Daily den „öffentlichen Ärger“ ausgelöst hat?

Zum anderen: Verhaftung und Strafandrohung von bis zu 2 Jahren Gefängnis (neben der medialen Hinrichtung natürlich)? Für die Verbreitung von obszönem Material? Wann wird bitte nochmal das Gefängnis für sämtliche Apple Daily Mitarbeiter gebaut? 😉

Und dann noch: Sind die Bahnpolizisten von Pingtung so eine Art Superbullen mit unglaublich kriminalistischem Scharfsinn und einer Top-Hackeraustattung? Leider wird im Artikel mehrmals von Bahnpolizei, Polizei und Ermittlern gesprochen, so dass nicht ganz klar ist, wer da genau beteiligt war, aber da am Ende des Artikels der Chef der Bahnpolizei von Kaohsiung ja stolz verkündet, dass seine Beamten mit „Adleraugen immer Ausschau nach abscheulichen Angriffen auf die Moral halten“ und dabei wahrscheinlich von der eigenen Computer Organisation Cyber Kriminalität (kurz: COCK) unterstützt wird, ist es wahrscheinlich so.

Das sind immer solche Sachen, die ich an Taiwan nicht verstehe: diese superscheinheilige Doppelmoral, die so einfach und schneller zu entlarven ist als sich jeder von uns die Hose runterziehen kann.

Fakt ist: Niemand wurde bei dem „Vorfall“ verletzt und die ganze Beschreibung der Szene deutet eher darauf hin, dass sie im Falle einer möglichen Beobachtung durch weitere Fahrgäste eh nicht die Eier gehabt hätten, ihre „Provokation“ auch wirklich durchzuziehen. Das soll nicht heißen, dass sie einfach so davonkommen sollen, aber Gesetzesverstöße im öffentlichen Raum ohne Schaden Dritter kommt in Taiwan jeden Tag ungefähr 5,6 Millionen Mal vor, ein Teil davon sogar unter den Augen der Polizei. Lasst sie daher meinetwegen eine Woche lang den Bahnhof fegen und gut ist, körperliche Ertüchtigung soll ja schon immer gut gegen Überdruck gewesen sein.

Und wie die Sache verlaufen wäre, wenn es sich bei dieser „Tat“ nicht um zwei Männer, sondern um zwei Frauen oder vielleicht auch „nur“ um einen Mann oder eine Frau gehandelt hätte, überlasse ich jetzt mal der Fantasie des Lesers, sowie von Focus Taiwan und Apple Daily. Wer die Fantasie allerdings nicht aufbringen kann, der kann sich auch des oben genannten Suchbegriffs bedienen. Im Bestand von Apple Daily wird sich sicherlich etwas in der Richtung finden lassen….

PS: Das Thema hat eigentlich mehr als eine Überschrift verdient. Als Special daher einige weitere Überlegungen von mir, weitere Anregungen in den Kommentaren sind erwünscht:

SOKO Bahn – Härter als Stahl

Die schönsten Bahnstrecken Taiwans

Der unsichtbare Dritte und virtuelle Vierte

Bahnreport – harte Fakten, die schockieren

und demnächst vielleicht im Kino:

Fellatio in Fengshan – was Martin Scorsese wirklich in Taiwan drehte!