So funktioniert Propaganda

Bevor wir uns gleich in die Feiertage für das chinesische Neujahrsfest begeben, dabei entweder im Stau stehen, in überfüllten Zügen sitzen oder verzweifelt nach noch nicht leeren Geldautomaten suchen, hier noch ein Gedanke über einen Artikel der Amerikanischen Handelskammer Taipeh (AmCham Taipei) auf Focus Taiwan.

Deren Mitglieder haben laut Artikel nämlich bewertet, was das Leben in Taiwan eigentlich so toll macht. In der Reihenfolge von 1-9:

Meine Familie fühlt sich in Taiwan sicher

Taiwan ist ein einfaches Land zum Leben

Taiwaner sind extrem freundlich

Taiwan bietet eine hochwertige medizinische und zahnmedizinische Versorgung

Taiwan bietet viele alternative Transportmöglichkeiten zum Auto (d.h. Busse, Fahrradwege, Taxis, Züge, Bürgersteige)

Taiwan bietet eine zuverlässige Stromversorgung

Taiwan bietet genügend Einkaufsmöglichkeiten

Taiwan bietet eine exzellente Mobilfunkabdeckung

Taiwan bietet exzellente Postdienstleistungen

Okay. Ich könnte jetzt jeden einzelnen Punkt hernehmen, relativieren, Gegenbeispiele anbringen und das ganze Gedöns. Mach ich aber nicht. Denn im Prinzip haben sie ja Recht. Was mich an dieser Befragung stört, ist etwas ganz anderes.

Wikipedia erzählt mir, dass Taiwan gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Kaufkraftparität (und nee, ich nehm ich die Zahl jetzt nicht, weil Taiwan da am besten abschneidet) im Jahr 2013 weltweit auf Platz 16 steht. Rein zufällig nur einen Platz hinter Deutschland (15). Aber besser als UK (21), Japan (22) und Frankreich (23). Und auch in anderen Statistiken kann Taiwan das ein oder andere EU-Land in die Tasche stecken.

Ich weiß ja nicht wie es euch geht und welche Erwartungen ihr an Taiwan habt, aber viele Punkte dieser Aufzählung halte ich für ein so hoch entwickeltes Land wie Taiwan für selbstverständlich. Und irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass AmCham unter ihren Mitgliedern eine so oberflächliche Umfrage durchführt.

Ich bin also mal so dreist und versuche diese Meldung zu recherchieren. Zum Glück dauert das keine 30 Sekunden, denn auf der AmCham Homepage lacht mich mittig sofort die “Business Climate Survey 2015″ an, die auch zum Download zur Verfügung steht. Dort erhalte ich dann ein 16 Seiten PDF mit umfangreichen Grafiken und Ergebnissen zu Fragen wie:

Wie würden Sie den finanziellen Erfolg Ihres Betriebs in Taiwan in 2014 bewerten?

Wie würden Sie die geschäftlichen Aussichten für Taiwan in den nächsten 5 Jahren bewerten?

Was sind die größten Risiken für Ihre Unternehmung in den nächsten Jahren?

Und beim Lesen all der interessanten und tiefgehenden Fragen vergesse ich fast, nach was ich eigentlich suche. Auf der allerletzten Seite, quasi als Rausschmeißer werde ich dann doch noch fündig. Aber halt. Neben den 9 positiven Seiten des Lebens in Taiwan finde ich darunter auch die 10 negativen Seiten des Lebens in Taiwan (…aus Sicht von Amerikanern, siehe Punkt 2). Wieder in der Reihenfolge von 1-10:

Taiwan bietet sicheres Essen (direkt von 0 auf Platz 1!)

Taiwan bietet eine “Englisch-freundliche” Umgebung für mich und meine Familie

Bank- und andere Finanzdienstleistungen sind exzellent

Taiwan bietet Trinkwasser guter Qualität

Die in unserer Gemeinde angebotenen Bibliotheksdienstleistungen sind aktuell und entsprechen unseren Bedürfnissen

Der Standard des Bildungssystems ist exzellent

Der Wasserabfluss bei Stürmen wird gesteuert und verringert Überschwemmungen

Taiwan bietet Aktivitäten für Jugendliche

Taiwan bietet hochwertige Polizeiarbeit

Die Kanalisation in Taiwan funktioniert zuverlässig

Wir halten fest. Focus Taiwan, der englische Ableger der Central News Agency, pickt sich aus dem hintersten Winkel einer Umfrage eine Rosine heraus, lässt alles andere weg und macht daraus einen Artikel. Nicht unbedingt verwerflich, vielleicht sogar bereits Standard in Redaktionen auf der ganzen Welt, aber trotzdem bedenklich: Denn genau so funktioniert Propaganda.

Und dabei werden in diesen 10 negativen Punkten noch gar nicht mal die Zustände der Politik angesprochen. Dafür muss man nämlich Seite 9 des PDF lesen ;)

Geiselnahme in Kaohsiung – ganz anders als im Kino

Mensch, man kommt ja aus dem Nachrichten gucken in Taiwan gar nicht mehr heraus. Da hatte sich der mediale Sturm um den Transasia Absturz gerade gelegt, da platzt bereits die nächste Meldung über die Geiselnahme in einem Gefängnis in Kaohsiung herein. Meine Frau berichtet mir nebenher von obskuren Stimmen aus dem Internet, die aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse bereits eine Verschwörung von [du weißt schon wer] wegen [du weißt schon was] vermuten. Wusste gar nicht, dass man Sonnenblumen auch rauchen kann! False Flag auf Chinesisch heißt übrigens 假旗 (jia3 qi2), könnte irgendwann mal nützlich sein … genauso wie 偏執狂 (pian1 zhi2 kuang2): Paranoia.

Die deutschen Medien haben nicht so wirklich darüber berichtet. Tagesschau gar nix, SZ und Zeit Online mit einem Reuters Video, immerhin der Tagesspiegel mit einer Textmeldung. Kann ich auch aber irgendwie verstehen, denn richtig Action war nicht wirklich drin. Es fehlten wohl einfach die nötigen Kameras. Stattdessen konnte man sich Hundertschaften von Polizisten vor dem Gefängnis ansehen, von denen einzelne kleine Gruppen immer mal wieder mit der MP im Anschlag im Gleichschritt von hier nach dort gelaufen sind. Keine Ahnung warum.

Man hat also genügend Zeit herauszufinden, was im Einzelnen in etwa abgelaufen ist. Das Problem dabei: Das was ich am ersten und zweiten Tag darüber lese, unterscheidet sich in den Details von dem, was ich am dritten und vierten Tag lese. Daher hier als nur grobe Zusammenfassung:

Häftlinge überwältigen einen Wärter und einen als Ersatz für seinen Militärdienst im Gefängnis arbeitenden Zivi (!!!), bedienen sich aus der Waffenkammer, wollen durch den Haupteingang fliehen, geht aber nicht weil der abgeschlossen ist (echt jetzt?), wollen durch den Seiteneingang fliehen, der aber bereits durch Polizisten gesichert ist (ach nö!) und verschanzen sich anschließend irgendwo im Gefängnis mit ihren Geiseln. Später lassen sich der Oberwärter und Vize-Gefängnisdirektor für die beiden eintauschen und noch etwas später der Gefängnisdirektor für den Vize-Gefängnisdirektor. Die Geiselnehmer verlangen zwei vollgetankte Autos, kriegen sie aber nicht. Der Dialog darüber ging vielleicht so:

Geiselnehmer: Wir wollen zwei vollgetankte Autos!

Verhandler: Nö!

Geiselnehmer: Ok.

Dafür bekommen sie was zum Essen, Bier und zwei Flaschen Kaoliang. Vorher haben der Gefängnisdirektor und der Anführer der Geiselnehmer noch Gelegenheit per Telefon ein wenig in einer Talkshow zu plaudern (ich will das gar nicht weiter ausführen, weil mir der Talkshow-Typ so dermaßen auf den Sack geht). Spät in der Nacht wird versucht, eine von Journalisten steigen gelassene Drohne abzuschießen. Am frühen Morgen beschließen sie sich gegenseitig abzuschießen und am Ende sind alle tot. Die beiden Geiseln bleiben unverletzt und geben bald darauf schon Interviews.

Und ich hab da mal eine Frage und bin gleichzeitig überrascht, wie viel kriminelle Energie in mir schlummert: Warum nimmt man eigentlich Geiseln, wenn man sie nicht zur Durchsetzung seiner Forderungen als Druckmittel einsetzt? Und warum mit sechs Leuten nur zwei Geiseln?

In ersten Berichten hab ich gelesen, dass die Geiselnehmer auch gegen die ihrer Meinung nach unzureichenden Haftbedingungen protestieren wollten. Ich kann dazu mangels eigener Erfahrung eigentlich nichts zu sagen. Nur so viel, dass ich in den vergangenen Jahren aus verschiedenen Berichten den Eindruck gewonnen habe, dass es in taiwanischen Gefängnissen wirklich nicht so dufte zugeht. Der Fluchtversuch und die Geiselnahme und die Selbstmorde also der Ausdruck frustrierter Häftlinge?

Interessanterweise ist es so, dass ich jetzt ein paar Tage später nichts mehr von unzureichenden Haftbedingungen lese, sondern nur noch der Fluchtgedanke als Tatmotiv eine Rolle spielen soll. Hm. Gleichzeitig gibt es bereits 36 Stunden nach Ende der Geiselnahme einen Bericht über die Umstände und Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheit: Mehr Kameras, mehr Kontrollen, mehr Einschränkungen.

Das Thema Haftbedingungen scheint, außer wenn es um Chen Shui-bian geht, in Politik und Gesellschaft keinen großen Stellenwert zu haben. Damit wir uns nicht falsch verstehen. Mir für mich besteht kein Zweifel, dass die sechs richtig schwere Jungs waren, die zu Recht hintern Gittern saßen. Man könnte also meinen, wegschließen und vergessen schadet da nicht viel. Und da liegt der Knackpunkt. Nach dem Gleichheitssatz ist der Fall A-Bian tatsächlich bedenklich in der Hinsicht, dass sich ein normaler Häftling niemals von einem renommierten und mehrköpfigen Ärzteteam hin auf seine Hafttauglichkeit wird untersuchen lassen können. Wir reden hier ganz nebenbei von ganz elementaren Menschenrechten, auf deren Einhaltung Taiwaner in der Regel (zu Recht!) ja ziemlich stolz sind. Nun weiß ich nicht, ob sich die Geiselnehmer vor ihrer Aktion mit verfassungsrechtlichen Grundlagen beschäftigt haben. Ist auch egal. Wichtig ist, dass die Tat zum Anlass genommen wird, mal genauer da hinzugucken, wo man allzu gerne und einfach lieber wegschaut.

PS: Taiwan Heute veröffentlichte einen hervorragenden Artikel zu diesem Thema!

Meine Empfehlung für alle, die nach deutschsprachigen Nachrichten in Taiwan suchen.

Flugzeugabsturz in Taipeh – Das Drama nach der Tragödie

Es gibt Bilder, von denen man beim ersten Anblick sofort weiß, sie auch noch in zehn oder zwanzig Jahren bei einem ähnlichen Anlass wiederzusehen. Die Bilder vom Absturz der Transasia Maschine in Taipeh sind solche.

Auf manche wird es vielleicht pietätlos wirken gerade bei dieser Tragödie eine Kritik über die Medien zu schreiben, aber ich finde ganz besonders in diesem Fall sollte eine saubere, respektvolle und umfassende Berichterstattung mehr denn je gegeben sein. Aber was ich in den letzten Tagen im Rahmen der Nachrichten über den Absturz (nicht zum ersten Mal) gesehen und gelesen habe, verläuft vom Niveau her so ähnlich wie die Flugkurve der Unglücksmaschine…

Tag 1: Ich erfahre erst relativ spät von den Ereignissen in Taipeh, so gegen 15 Uhr, zuerst über eine Nachricht von Line, kurz darauf das Video des Absturzes verlinkt auf Facebook. Unglaubliche Bilder. Ich schalte den Fernseher ein und sehe das Wrack im Keelong Fluss liegen. Die Stimmen der Nachrichtensprecher sind ungewohnt leise, gedämpft. Ich sehe Rettungskräfte, Trümmerteile, Bilder von Leichensäcken und den Überlebenden, die auf den Tragflächen auf Rettung warten. Alles aus größerer Entfernung aufgenommen.

Umschnitt. Ich höre einen Luftfahrtexperten, der anhand einer Grafik den vermeintlichen Ablauf des Fluges beschreibt. Er erwähnt das Mayday, Mayday, Mayday, Engine Flameout des Piloten und erklärt, was in diesen Momenten an Bord der Maschine geschehen sein könnte. Auch hier wieder sehr ruhig, sehr abgeklärt, sehr professionell. Nach einer halben Stunden weiß ich dann, was man zu diesem Zeitpunkt wissen kann und wende mich wieder der Arbeit zu. In den Abendnachrichten steigt die Dichte der Augenzeugenberichten dann an. Die entsprechenden Videos der Dashcams werden immer und immer wiederholt. Da es keine wirklich neuen Informationen außer der steigenden Zahl der Opfer gibt, schau ich mal, was die deutschen Medien darüber schreiben. Ich lande auf tagesschau.de und ärgere mich gleich mit dem ersten Satz, da er suggeriert, dass der Zusammenstoß mit der Brücke die Ursache des Absturzes ist. Und das obwohl das Video des Absturzes ebenfalls dort verlinkt ist. Besser macht es die SZ, zwar relativ knapp, aber dafür ohne Fehler. So richtig zufrieden bin ich aber trotzdem nicht. Ich wechsle also zu The Aviation Herald, einer privat betriebenen Webseite über Unfälle im weltweiten Luftverkehr, und lese dort detailliert die bisherigen Fakten und erste Einschätzungen von aktiven und ehemaligen Piloten.

Tag 2: Medial verbringe ich den Tag genau andersherum wie Tag 1. Auf The Aviation Herald lese ich Details zur Flugroute und den erreichten Flughöhen und wundere mich mit einigen Kommentatoren über den Absturz wegen eines ausgefallenen Triebwerks, was so eigentlich nicht passieren dürfte. Ich schau mir die Tagesschau um 20 Uhr als Video an. Die Formulierung mit der Brücke als Absturzursache taucht dort nicht auf, später in den 9 Uhr Nachrichten ist sie allerdings wieder da. Ich lerne, dass die Beiträge von unterschiedlichen Redakteuren gemacht werden, deren Informationen anscheinend nicht aufeinander aufbauen. Abends, in den Fernsehnachrichten Taiwan beginnt dann der mediale Sinkflug. Die Nachrichtenteams haben sich anscheinend aufgeteilt. Eine Hälfte verbleibt am Unglücksort und interviewt die Einsatzkräfte, die andere Hälfte schwärmt in die Krankenhäuser, um Reaktionen der Verletzten zu erhalten. Ich bin irritiert und frage mich, was Fernsehjournalisten auf Krankenhausfluren und an den Betten von Verletzten* zu suchen haben.

* wobei zumindest eines der Opfer anscheinend bereitwillig ein Interview im Krankenhausbett gegeben hat

Ich höre von der Geschichte des kleinen Jungen und seinen Eltern, die beim Start die Plätze gewechselt und deshalb überlebt haben sollen. Unterlegt mit trauriger Klaviermusik und Schwarzweißbild. Tagsüber waren auch die Computergrafiker fleißig und präsentieren eine Animation der letzten Sekunden des Fluges. Der Pilot wird als Held gefeiert, weil er kein Hochhaus gerammt hat, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch immer völlig unklar ist, warum er überhaupt in diese Lage geriet. Hoffnung auf mehr faktenbasierte anstatt tränenbasierte Berichterstattung keimt auf, als von der Bergung der Blackbox berichtet wird.

Tag 3: Ich lese in der Zeitung vom Unmut einiger Rettungskräfte über die Aufdringlichkeit der Fernsehreporter. Im Fernsehen höre ich nichts davon. Das kalte Wetter in Taipeh und die Strömung des Flusses gestalten die Suche nach den noch nicht geborgenen Opfern schwierig. Wie muss sich jemand fühlen, der erschöpft nach der Suche von Leichen im Fluss ein Mikrofon unter die Nase gehalten bekommt? Es wird berichtet von einer ums Leben gekommenen Flugbegleitern. Die gezeigten Bilder der jungen Frau natürlich von Facebook geklaut. Der Tragödie ein Gesicht geben heißt es dazu wohl in den Redaktionsräumen. Wurden da gerade ihre Eltern interviewt? Ich hab es nicht ganz mitbekommen, denn ich möchte abschalten.

Dann kommt die Meldung über die ersten ausgewerteten Daten des Flugschreibers. Kein Wort mehr über die vermeintlichen Heldentaten des Piloten, sondern das traurige Protokoll eines wahrscheinlich folgenschweres Fehlers. Wieder einmal kommt die Frage auf, wie es um die Sicherheit von taiwanischen Fluggesellschaften bestellt ist. Ist Transasia heute das, was China Airlines vor 20 Jahren war?

Tag 4: Taiwaner lernen aus den Nachrichten heute zwei Dinge. Zum einen aus welchem Material Neoprenanzüge bestehen (auf Chinesisch ist das nicht so offensichtlich wie auf Deutsch) und zum anderen, dass eine Herzdruckmassage Leben retten kann. Zur Geschichte des kleinen Jungen mit seinen Eltern von Tag 2 gehört nämlich, dass der Vater seinen bereits blau angelaufenen Sohn eigenhändig wiederbelebt hat. Er wird gefragt, wo er dies gelernt habe. Ich erinnere mich, wo ich es gelernt habe. Vor 17 Jahren für den Erwerb des Führerscheins. Ist schon lange her, aber wo ich den Druckpunkt ansetzen muss, weiß ich noch. Ich möchte meine Frau fragen, ob man in Taiwan für den Führerschein einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren muss, lasse es aber sein, um nicht noch gehässiger als ohnehin schon zu wirken. Damit kein falscher Eindruck entsteht. Dieser Vater ist ein echter Held. Ob gelernt oder nicht, in dieser Situation muss man erstmal die Nerven haben!

Es wurden weitere Todesopfer gefunden, deren Namen, Fotos (sehr wahrscheinlich wieder von Facebook geklaut) und Fundorte fein säuberlich auf der Karte dargestellt sind. Routine. Die Suchzone für die noch nicht gefundenen Opfer wird ausgeweitet bis ins Meer. Im weiteren Verlauf der Nachrichtensendung wird nochmals ausführlich über die Aufzeichnungen der Blackbox gesprochen und analysiert. Mal wieder ein Ausschnitt von CNN. In den letzten Tagen flossen immer wieder kurze Szenen aus ausländischen amerikanischen Medien ein. Auch dort wird das wahrscheinliche Szenario, quasi als Bestätigung der heimischen Einschätzung, genannt: Abschaltung des falschen Triebwerks. Pilotenfehler. Ganz genau, wenn überhaupt, wird man es allerdings erst nach Abschluss sämtlicher Untersuchungen wissen, die sich über Monate, gar Jahre erstrecken könnten.

Tag 5: Ich sehe Dutzende Rettungskräfte im Fluss. Sonst nichts. Die Luft ist raus. Ich versuche noch ein paar Minuten dran zu bleiben, bis wieder ein Überlebender, Angehöriger, Mutter, Schwester, Kinder des Piloten interviewt wird. Ich schalte ab….

Was bleibt ist das Gefühl, das praktisch alle Beteiligten etwas verloren haben. Die Todesopfer ihr Leben, die Überlebenden ihre Würde, die Fluggesellschaft das Vertrauen. Ich frage meine Frau, was wohl über uns berichtet worden wäre, wenn wir in diesem Flugzeug gesessen hätten. Sie hat darauf keine Antwort. Ich auch nicht. Sie wäre wahrscheinlich auch zu verstörend.

Der neue Haus… Bürgermeister von Taipeh

Nach vielen Jahren der Verweigerung verfolge ich seit einiger Zeit wieder regelmäßig die Nachrichten in Taiwan. Denn Einträge auf Facebook wegen Unwissenheit nicht zu verstehen ist uncool. Und das erste große Thema in dieser neuen Zeit war der Wahlkampf um das Bürgermeisteramt in Taipeh.

Zum ersten Mal Notiz davon nahm ich mit dem Artikel von taiwanreporter über Sean Lien.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich weder etwas von ihm noch von Ko Wen-je gehört. Abends in den Nachrichten sah ich dann beide. Auf der einen Seite der für taiwanische Verhältnisse hünenhafte, medial geschliffene und wie ein im Wahlkampf befindlicher Politiker auftretende Sean Lien und auf der anderen Seite der für taiwanische Verhältnisse … (überleg) … nicht wirklich hünenhafte, für meine Ohren stets etwas nuschelnde und irgendwie zerknittert aussehende Ko Wen-je.

Bei der mit Spannung erwarteten Fernsehdebatte zwischen den beiden ist mir gegenüber meiner Frau dann auch noch sinngemäß der folgende Satz rausgerutscht:

Also rein von der Vorstellung her wie ein Bürgermeister von Taipeh aussieht, macht Sean Lien eindeutig die bessere Figur!

Ihr kennt diese Blicke, die töten können? Genau!

(⊗ nebenbei gleich mal die politische Einstellung der Familie andeuten)

Durch die daraus resultierende eheliche Funkstille konnte ich mich dann auf die Inhalte als das Äußere der beiden Kandidaten konzentrieren und da begann sich das Bild zu wandeln. Nicht dass ich den Aussagen solcher Wahlkampfreden wirklich Glauben schenke, aber Ko Wen-je feuerte auf jeden Fall weniger vorgestanzte Worthülsen in die Zuschauermenge als sein Kontrahent. Und im Laufe des weiteren Wahlkampfs, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Werdegänge und natürlich dem Gedanken an einen echten Wechsel der politischen Verhältnisse war auch mir recht schnell klar: Mit Ko Wen-je wird der richtige gewinnen!

Hat er ja dann auch und damit begann der absolute mediale Aufstieg.  Denn um Sean Lien wurde es nach den Kommunalwahlen Ende November ziemlich schnell ziemlich still. Ein Schicksal, das er mit der immer so freundlich winkenden Chen Yi-chen aus Chiayi teilt, die an der medialen Berichterstattung gefühlt noch gerade so einen Anteil von 5% erhaschen konnte. But the winner takes it all.

Und so lief im gesamten Januar in den Abendnachrichten eigentlich immer die Ko Wen-je Show, mit Kamerateams vor seinem Haus, im Haus seiner Eltern, vor dem Haus seiner Eltern, im Rathaus unten vor den Aufzügen, im Sitzungszimmer des Rathauses, bei sämtlichen Terminen außer Haus, bei sämtlichem Terminen im Haus, beim Essen ….. bei jedem Interview fehlte eigentlich nur noch der folgende Satz:

Oh, und falls wir uns nicht mehr sehen sollten, guten Tag, guten Abend und gute Nacht!

War aber gar nicht nötig, weil die Nachrichtenleute ihn nach dem Morgen bestimmt noch drei bis acht Mal gesehen haben. Da macht es auch eigentlich keinen Unterschied, dass Ko Wen-je eine Kandidatur für das Präsidentenamt in Taiwan bereits ausgeschlossen hat, denn mehr Airtime als Ma Ying-jeou hat er ohnehin schon.

Was kann man über Professor Ko, KP oder den mächtigsten Jackenträger von ganz Taipeh nach rund 6 Wochen Amtszeit also sagen? Natürlich noch nicht sehr viel. Dass man zu Anfang einfach mal ein paar Leute rausschmeißt, ab und an mal unüberlegt ins Mikro quatscht, Bauprojekte rückgängig macht oder in Frage stellt, gehört zu einem politischen Neuanfang wohl einfach dazu. Betreffen tun mich die Entscheidungen sowieso nicht, also achte ich jetzt doch wieder verstärkt auf sein Auftreten.

Und da muss ich sagen …. also wenn ich nicht wüsste, wer Ko Wen-je ist und er mir im Rathaus von Taipeh auf dem Flur zufällig über den Weg laufen sollte, ich würde ihn eher für den Hausmeister als den Bürgermeister halten ;)

Ach nein wie oberflächlich! Stimmt, aber ich denke, KP als BM von TP wird das ganz locker sehen. Ich wundere mich auch nur. Taipeh, das politische, wirtschaftliche, kulturelle Zentrum Taiwans, das Aushängeschild Taiwans für die Welt, Standort des längsten, höchsten, zweithöchsten, dritthöchsten, vierthöchsten eines der höchsten Wolkenkratzer und vielleicht schon bald die erste Stadt in Taiwan mit mehr U-Bahn Stationen als 7-Elevens, wählt einen Mann zum Bürgermeister, der in Bezug auf sein Auftreten auch der Vorsitzende des Brieftaubenzüchtervereins Zhong Shan Nord sein könnte. Toll! Und komisch zugleich! Taiwan eben.

Was ich mir für Ko Wen-je als Bürgermeister von Taipeh wünsche? Eigentlich nur, dass er irgendwann mal in Ruhe seinen Job erledigen kann. Es ist zwar keine ganz so falsche Idee, einen transparenten Politikstil durch ständige Präsenz vor den Medien zum Ausdruck zu bringen, allerdings gab es da auch mal einen deutschen Bundeskanzler mit dem Zitat:

„Zum Regieren brauche ich nur BILD, BamS und Glotze.“

War bekanntlich nicht das beste Rezept und so einer bis zwei Bundespräsidenten hatte es mit den Medien am Ende auch nicht ganz so einfach. Von daher, Augen auf werter Professor Ko, der Schritt in die große Politik Taiwans ist ein sehr mutiger, hoffentlich nicht ein zu großer.

Nachtrag: Im Jahr 2013 berichtete Ko Wen-je den Medien, dass bei seinem Sohn das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde und er selbst seit seiner Kindheit auch Symptome davon zeige. Meine erste Reaktion darauf war der Gedanke den ganzen Artikel hier zu löschen. Mein zweiter Gedanke war diesen Nachtrag zu schreiben und zu erklären, warum ich meinen ersten Gedanken für einen Fehler halte. Im gleichen Artikel erwähnt Ko Wen-je nämlich auch, dass er sich in seinem Leben nicht davon beeinträchtigt sieht. Etwas weiter gedacht könnte dies vielleicht auch einen Bestandteil dessen ausmachen, was ihm zum Gewinner der Wahl gemacht hat: seine Originalität und seine detailreiche Sprache. Wenn dieser erfrischende Stil das Symptom einer Krankheit sein sollte, dann frage ich mich, ob das, was wir in der Politik als normal betrachten nicht vielleicht eine viel schlimmere Krankheit ist.

Wieder hier

Tach auch! Bin wieder hier ;)

Zunächst einmal möchte ich mich bei einigen sehr treuen Lesern bedanken, die mich auch während der sehr langen Abwesenheit immer mal wieder fragten, ob ich diesen Blog nicht doch irgendwann wiederbeleben könnte. Wertschätzung tut immer gut!

Warum war ich eigentlich weg? In den letzten paar Jahren ist im realen Leben einfach so viel passiert, dass für ein aufwändiges, weil dreisprachiges Blog einfach keine mehr Zeit mehr blieb.

Und auch weiterhin keine Zeit bleiben wird.

Aber, so ganz meine Klappe halten kann ich dann auch wieder nicht. Taiwan bietet einfach zu viele Geschichten: lustige, traurige, merkwürdige, unglaubliche. So viele, dass man mit dem Schreiben eigentlich gar nicht hinterherkommt. Muss aber auch gar nicht sein. Halt nur ein bisschen, wie es gerade so passt.

In diesem Sinne, schön wieder hier zu sein!