Ein Dankesschreiben

An das Büro für Konsularangelegenheiten
3~5 Stock, 2-2 Chi-Nan-Straße, Abschnitt 1, Taipei , Taiwan, ROC

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute habe ich von Ihnen mein Residenzvisum als Ehegatte einer taiwanischen Staatangehörigen (auch bekannt als: meine Frau) in Empfang nehmen dürfen. Für das Gelingen dieses außerordentlich schwierigen Verwaltungsakts gebührt Ihnen mein vollster Respekt und Anerkennung.

Ich habe Verständnis dafür, dass die Ausstellung eines Visums äußerste Konzentration erfordert und deswegen telefonische oder sogar persönliche Fragen von Ihnen entweder gar nicht oder schlichtweg falsch beantwortet werden. Auch die Tatsache, dass man auf seine Fragen verschiedene und teilweise sich direkt widersprechende Antworten von verschiedenen Personen bekommt, ist Ihnen nicht vorzuwerfen. Eine richtige Antwort war bei dieser Methode nämlich sowieso nicht dabei.

Ihre Taktik, die Visumsbeantragung einem für den Antragsteller mörderischen Dokumentenbeanschaffungsprozess voranzustellen und diesen Prozess durch das geschickte Streuen von Falschinformationen noch weiter zu komplizieren ist wirklich meisterhaft. Am Ende spart Ihnen das eine Menge Arbeit, denn mit dieser Taktik kommen wirklich nur die ganz Harten in Ihren Garten.

Eine Überprüfung der Dokumente erübrigt sich, da niemand so blöd sein und sich die Mühe machen würde so viele Dokumente auf einmal zu fälschen. Die dazu benötigte Stempelfarbe wäre viel zu teuer!

Die Sonderregel, dass alle Dokumente nicht älter als 3 Monate sein dürfen macht auch den größten Penner zum Sprinter. Mein besonderer Dank geht an diesem Punkt auch an alle weiteren, dem Visumsausstellungsprozess beteiligten Stellen, u.a. dem Haushaltsregistrierungsbüro in Taichung, dem Ren Ai Krankenhaus in Taipei, dem Deutschen Institut in Taipei, sowie dem Bundesjustizministerium mit Zweitsitz in Bonn, die es sich in hervorragender Übereinstimmung nicht nehmen ließen, alle beantragten Dokumente zwei Mal ausstellen lassen zu müssen, da die Erstversion jedes Mal fehlerhaft war.

Dass am Ende die bei Ihnen vorgelegten Dokumente auch nicht vollständig den in den Vorschriften geforderten Angaben entsprachen, sei Ihnen hiermit herzlichst verziehen. Es hätte sowieso keiner von Ihnen gemerkt, geschweige denn verstanden, um was es geht. Sie können auch beruhigt sein, dass ich ihr kleines Geheimnis, wie sie mit herkömmlichen Kopiergeräten einen vollen Arbeitsplatz finanzieren, nicht preisgeben werde. Es wäre ja schade, wenn Sie zukünftig auf einen Ihrer hochqualifizierten und in allen, außer natürlich in denen für Ihre Arbeit wichtigen, Belangen kompetenten Mitarbeiter verzichten müssten.

Ich fühle mich geehrt meinen Visumsantrag bei Ihnen als Musterbeispiel einer Top-Regierungsbehörde bearbeitet haben zu lassen müssen. Ihr exzessiv zur Schau getragener Bürokratismus bei gleichzeitig intensiv vorhandener Inkompetenz gepaart mit permanent existierender Arroganz bei der Bearbeitung von Anträgen ausländischer Mitbürger verlangt nach einer besonderen öffentlichen Erwähnung. In der Zukunft werde ich mich bemühen, die von Ihnen praktizierte Arbeitsweise einem breiten Publikum näher zu bringen. Ihre Leistung ist diesen Aufwand auf jeden Fall wert.

Mit freundlichen Grüßen,
Chen De-Sheng

Mitglied des SPD Piratenpartei-Ortsvereins Taipei,
des Deutsch-Taiwanischen Studienkreises,
sowie des 1. FC Taiwansinn e.V.

PS: Weitere Dankesschreiben an das Verkehrsministerium für die Planung garantierter Staus und an das Parlament für die einmal wöchentlich dort stattfindenden Schlägereien werden mit separater Post verschickt.

Trip nach Hong Kong

Und auch jetzt ist es schon wieder knapp einen Monat her, dass ich zusammen mit Frau Taiwanoca  (…boah, es klingt zwar immer noch etwas ungewohnt, aber ich sage es so ungefähr zehn Mal am Tag ;)) nach Hong Kong fliegen „musste“.

Nicht dass ich schon immer mal mehr von Hong Kong sehen wollte als das örtliche Flughafengebäude während eines Transfers nach Deutschland oder Taiwan, aber wem gefällt es schon von der Ausländerbehörde gesagt zu bekommen, dass man für ein neues Visum aus Taiwan ausreisen und es irgendwo anders beantragen muss, nur halt nicht genau dort, wo man schon jahrelang wohnt?

Naja,  die Diskussion darüber hat sich als ziemlich sinnlos erwiesen und irgendwie haben wir aus dieser „Dienstreise“ ja dann doch noch so was wie kleine Flitterwochen gemacht.

Der eigentliche Zweck, die Beantragung eines neuen Visums für Taiwan in der Taipeh Vertretung in Hong Kong hat sich insgesamt als 10 Minuten Aufwand erwiesen.

Der Rest der insgesamt vier Tage von Samstag bis Dienstag blieb also für Shopping und Sightseeing, wobei letzteres am ersten Tag aufgrund dicken Nebels so gut wie gar nicht möglich war.

The Peak, wer kennt ihn nicht aus unzähligen Filmen oder Fotos oder Postkarten aus Hong Kong mit der grandiosen Aussicht auf Hong Kongs Skyline…..hmm…..Pustekuchen, bei unserem ersten Besuch nichts weiter als fette Nebelschwaden und ich war sehr sehr sauer, da der Ticketverkäufer unten am Eingang breit grinsend fröhlich Tickets verkaufte, obwohl er bestimmt genau wusste, dass man oben rein gar nichts sehen konnte.

Man gut, dass wir zusätzlich noch die Tickets für Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett gekauft hatten, aber natürlich war das nicht wirklich eine Entschädigung für die Hauptattraktion Hong Kongs.

Aus Protest gegen den Nebel sind wir deswegen am nächsten Tag nach Macau gefahren, wo neben dem portugiesischen Flair auch gleichzeitig portugiesisches Wetter mit fast 30 Grad Ende Februar herrschte. Wirklich eine tolle Stadt und eine tolle Mischung mit den Straßenschildern auf Chinesisch und Portugiesisch, auf jeden Fall einen Tagestrip wert.

Der Protest schien sich gelohnt zu haben, denn abends zurück in Hong Kong hatte sich der Nebel gelichtet und wir ergriffen nochmals die Gelegenheit uns auf den Peak zu wagen und diesmal endlich mit Erfolg.

Es gibt ja für jeden so die Orte, an denen man in einer Stadt oder einem Land unbedingt gewesen sein will. Bei mir war es mit dem Peak wieder so ein Fall und deswegen wäre ich wohl noch ein drittes und ein viertes Mal da rauf gegangen, um wie schon so mancher meiner Bekannten einen Ausblick auf Hong Kong  zu werfen.

Wirklich grandios! Im Prinzip hätte die Reise hier schon zu Ende sein können und ich wäre zufrieden gewesen, aber der eigentliche Zweck war ja noch gar nicht erfüllt.

Am Montagmorgen haben wir uns dann frühzeitig zur Taipeh Vertretung in Hong Kong aufgemacht, damit ich das fertige Visum wie auf der Webseite versprochen auch bis zum nächsten Tag wieder abholen konnte. Mittlerweile habe ich ja schon genug Erfahrung mit dem Ausfüllen des multifunktionalen Visumsantrags, nur dieses Mal war der kleine aber feine Unterschied eben, dass ich a) verheiratet ankreuzen konnte und b) mein Visum für Taiwan als familiären Aufenthalt begründen durfte. Zusammen mit unserer Heiratsurkunde, dem Auszug aus dem Haushaltsregister, sowie den üblichen Fotos und dem Geld war die Visumsbeantragung eine Sache von fünf Minuten.

Den Rest des Tages nutzten wir dann für einen ausgedehnten Besuch der Gegend rund um den Hafen, vor allem natürlich der Avenue of Stars und der Bruce Lee Statue, weil das wie die Aussicht von The Peak wohl einfach zu einem Hong Kong Besuch dazugehört. Abends haben wir dann noch die kostenlose Lightshow der Skyline Hong Kongs bewundert und sind danach einkaufen gegangen.

Am Dienstag, den letzten Tag des Kurztrips, galt es dann nur noch meinen Reisepass mit fertigem Visum wieder von der Taipeh Vertretung abzuholen (das Rauf- und Runterfahren mit dem Fahrstuhl dauerte dabei am längsten) und noch ein paar Stunden durch Hong Kongs Straßen zu pilgern, bevor es wieder zurück nach Taiwan ging.

Damit hätte ich also dann das Visum (ein Familien-Besuchervisum anstatt eines Studenten-Residenzvisums), das ich zwingend für die Beantragung eines Familien-Residenzvisums benötige, nun jetzt aber wieder in Taiwan beantragen muss, weil das im Ausland irgendwie nicht geht. Und obwohl solche kleinen Kurztrips in das nahegelegene Ausland (Alternativen zur Taipeh Vertretung in Hong Kong sind noch Japan und Thailand) durchaus ihren Reiz haben, werde ich so schnell wie möglich versuchen, die Sachen hier jetzt endgültig unter Dach und Fach zu bringen, bevor die Ausländerbehörde wieder neue Regelungen auswürfelt.

Erdbeben

Vor zwei Tagen wurde Taiwan von zwei Erdbeben der Stärken 6,7 und 6,4 sowie in den folgenden Stunden von zahlreichen Nachbeben erschüttert.

Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade auf der Straße auf dem Weg nach Hause und habe nichts davon mitbekommen. Frl. Taiwanoca erzählte mir, dass die beiden Erdstöße bei uns zu Hause deutlich zu spüren gewesen seien, allerdings ohne größere Auswirkungen gehabt zu haben.

Nach ersten Berichten im Radio und im Fernsehen wurden auch aus dem Süden Taiwans, der wesentlich näher am Epizentrum der Erdbeben lag, keine wesentliche Schäden oder Verletzte gemeldet. Auch eine nach den Erdbeben ausgegebene Tsunamiwarnung für die Ostküste der Philippinen wurde nach einigen Stunden wieder aufgehoben.

Einen Tag danach, also gestern, wurden dann aber doch die Auswirkungen deutlich. Es gab zwei Todesopfer und 46 Verletzte, in Hengchun im Kreis Pingtung ganz im Süden Taiwans stürzten drei Häuser ein und es kam zu insgesamt 14 Feuern. Darüberhinaus gab es an zahlreichen Gebäuden kleinere Schäden wie kaputte Fensterscheiben oder Risse in der Fassade.

Nun, das ist eine Bilanz, die es angesichts anderer Ereignisse auf dieser Welt nicht einmal auf die Titelseite einer mittelgroßen Zeitung schafft und das ist auch gut so.

Mehr Aufmerksamkeit erregte da schon eher die Tatsache, dass bei den Erdbeben auch insgesamt sieben vor der Küste Taiwans entlanglaufende Unterseekabel beschädigt wurden, welches die Kommunikation über Telefon und Internet in ganz Asien gestern sehr einschränkte bis ganz unmöglich machte.

Auch davon habe ich allerdings nichts mitbekommen. Bei mir lief alles vor, kurz nach und auch sonst wie gewohnt, aber es gibt viele Andere, die seitdem massive Probleme mit dem Internet haben und in den Nachrichten wird es auch berichtet. Die Behebung der Schäden wird schätzungsweise zwei bis drei Wochen dauern.

Alles andere lief gestern übrigens ganz dem normalen Alltag nach ab. Diese Art von 6.x Erdbeben sind für Taiwan keine Seltenheit, es kommt nur halt immer drauf an, wo sich das Epizentrum genau befindet. Angesichts des großen Bebens vom 21.9.1999 herrscht verständlicherweise bei jedem neuen Erdstoß erstmal eine gewisse Nervosität vor, die aber Gott sei Dank bisher auch immer wieder schnell verflogen ist.

Weihnachten – Fiesta Latina

Da haben wir also mal wieder Weihnachten, mittlerweile mein drittes in Taiwan in Folge. Ich hatte ja mal irgendwann glaube ich schon mal geschrieben, dass dieses Kitsch-Weihnachten hier in Taiwan ziemlich nervig sein kann. Im ersten Jahr war es noch erschreckend fasziniert und im zweiten Jahr hatte ich gehofft, dass es vielleicht besser als das erste werden würde, naja es wurde eher noch bunter, lauter und kitschiger.

Natürlich möchte man Weihnachten aber auch nicht alleine zu Hause verbringen und so entschieden sich Frl. Taiwanoca und ich die Einladung einer meiner Deutschstudenten (…wie sich das anhört! ;)) zum Essen anzunehmen. Das Gute dabei: Bei diesem Treffen kam es zu Begegnungen zwischen Ausländern verschiedener Nationen, die alle in Taiwan leben mit einem Schwerpunkt auf Lateinamerika.

So war die vorherrschende Sprache dann auch Spanisch, welches ich erstaunlicherweise noch immer teilweise passiv verstehen kann, aber natürlich wurde am Tisch auch Chinesisch und Englisch gesprochen. Nur mit Deutsch hatte ich an diesem Abend außer für Frl. Taiwanoca keine Verwendung, aber das ist in Taiwan ja keine Seltenheit.

Wir waren übrigens in einem italienischen Restaurant, in das wir glücklicherweise durch ein paar Beziehungen untergekommen sind, nachdem unsere ursprüngliche Reservierung bei TGI Friday´s geplatzt ist. Bei Pizza, Pasta und Paella (…ich weiß, ist spanisch, schmeckte aber trotzdem :)) haben wir dann einen angenehmen und entspannten Abend verbracht, so wie es an Heiligabend auch sein sollte anstatt mit dummen Weihnachtsmützen auf dem Kopf Party zu machen.

Und am Ende gab es dann elf zufriedene Weihnachtsfeiernde aus Taiwan, El Salvador, Honduras, Brasilien, der Dominikanischen Republik und auch Deutschland. Feliz Navidad!

Ein Tag am Meer

Naja, eigentlich Wattenmeer. Ich hatte gar nicht gewusst, dass es das in Taiwan auch gibt, aber bei einer Insel liegt es ja auch irgendwie nahe. Ich habe aber schon wieder vergessen, wo es genau war. Nennt sich Gaomeidi (高美地). Von Taichung aus etwa eine Stunde mit dem Auto und wenn ich mich recht erinnere war ich dort an meinem Geburtstag vor vier Jahren (!) auch schon dort, damals aber nicht im eigentlichen Watt.

watt1

Es ist wirklich ein angenehmer Kontrast zu der Großstadt, keine Hochhäuser, kilometerweite Sicht und saubere Luft. Wir sind etwa eine Stunde im Watt gewandert, bis wir dann auch an den richtigen Strand gekommen sind, mit Blickrichtung nach China, das von dort aus nicht sehr weit entfernt ist. Auf jeden Fall war es ein lohnenswerter Ausflug in das taiwanesische Wattenmeer. 🙂

watt2

Chinesische Medizin

Vor drei Wochen ist mir in Taiwan das passiert, was mir wohl früher oder später einfach mal passieren musste: Ich habe mich so richtig verletzt, so dass ich umfangreiche medizinische Hilfe benötigte. Keine Angst, an mir ist noch alles dran und es ist nichts, über was man sich ernsthaft Sorgen machen müsste, aber ein bisschen nachdenklich macht es schon. Was war passiert?

Am Samstag vor drei Wochen war ich zu einer Studentenabschlussfeier der TaiDa eingeladen, zu der ich von meiner Wohnung aus nach Taipeh fahren wollte. Leider bin ich nicht sehr weit gekommen, da ich gerade mal nach zwei Minuten Fußweg beim Heruntersteigen einer Stufe auf die Straße so unglücklich mit dem Fuß umgeknickt bin, dass im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr ging.

Ich bin derartige Missgeschicke aus meinen noch etwas sportlicheren Zeiten ja noch gewöhnt und so war mir ziemlich schnell klar, dass das leider wohl etwas Größeres sein musste. Ich habe es dann noch irgendwie die zwei Minuten zurück nach Hause geschafft (bis in den 6. Stock) und dann bei Frl. Taiwanoca erst einmal eine kleine Panikreaktion verursacht. Die erste Maßnahme bei so was ist natürlich: EIS. Nun haben wir standardmäßig kein Eis bei uns im Kühlschrank und das einzige, was auf die Schnelle so aufzutreiben war, war nichts geringeres als ein 5kg schwerer Eisbeutel, beinahe so groß wie Frl. Taiwanoca selbst. 😉

Das nächste Problem war dann einen geeigneten Arzt bzw. Krankenhaus zu finden, es war Samstag Mittag und die Krankenstation der Uni nicht mehr geöffnet, außerdem würde ich dort sowieso nicht freiwillig hingehen. Im Internet gibt es zum Glück umfassende Informationen über umliegende Arztpraxen und Krankenhäuser und Frl. Taiwanoca hatte auch schon bald einen Arzt für chinesische Medizin in der Nähe gefunden. Chinesische Medizin? Jaja, westliche oder chinesische Medizin, das war jetzt die Frage. Da es mir relativ egal war, wer mir denn nun hilft, solange mir überhaupt geholfen wird, haben wir uns für die chinesische Variante entschieden.

Also vom 6. Stock die Treppe wieder herunter gehumpelt (…und dabei den Hausbesitzer dafür verflucht, keinen Fahrstuhl einbauen zu lassen), ins Taxi rein und zum Arzt gefahren. Zu dumm leider, dass dieser nicht über ein Röntgengerät verfügte, welches wohl auch in der chinesischen Medizin Einzug gehalten hat. Ein solches sollte aber gleich in einer Krankenstation um die Ecke vorhanden sein. Um die Ecke, schön und gut, mit zwei gesunden Füßen ein Kinderspiel, mit nur einem gesunden und einem mittlerweile auf doppelte Größe angeschwollenen zweiten Fuß nicht mehr ganz so erheiternd. Und das Beste: Die Krankenstation hatte zu!

Diese Erkenntnis trug dann nicht gerade zu meiner Erheiterung bei und ließ Frl. Taiwanoca und mich zu der Entscheidung kommen, wohl doch besser in ein normales, nach westlicher Medizin behandelndes Krankenhaus zu fahren. Dort angekommen lief dann alles soweit wie aus Deutschland gewohnt, das heißt erst einmal musste ich warten. 😉 Dann ging es ab zum Röntgen und danach zum Arzt, der mir versichern konnte, dass zumindest nichts gebrochen oder gerissen war. Gut zu wissen, allerdings sind Dehnungen und Verstauchungen im Allgemeinen ja noch schmerzhafter als Brüche oder Risse, zumindest ist das meine Erfahrung.

Was es gab war ein Druckverband und ein Rezept für ein paar Tabletten mit dem Hinweis auf PECH: Pause Eis Compression Hochlagern. Somit war erstmal die Erstversorgung abgeschlossen, ungefähr drei Stunden nachdem die Verletzung aufgetreten ist. Es wäre jetzt ungerecht das nach deutschen Maßstäben zu vergleichen, vor allem nicht mit meiner Heimatstadt, wo ich jeden Arzt mit zugehöriger Fachrichtung kenne und sie auch um einige Nummern kleiner ist.

Was in den folgenden Tagen blieb, war die riesige Schwellung des Fußes nebst Schmerzen und absoluter Unfähigkeit den Fuß überhaupt irgendwie bewegen zu können. Schule und Arbeit war damit natürlich ausgeschlossen und nach einiger Diskussion und guten Ratschlägen habe ich mich dann doch nochmals entschlossen es mit chinesischer Medizin zu versuchen. Zitat: „Geht wirklich schneller, nur zwei, drei Tage und du kannst wieder laufen“.

Muss wohl für Ausländer nicht gelten, denn trotz Akupunktur, Reizstrom, Wärmelicht, Dampfbestrahlung, der Einnahme des bittersten Getränks auf Erden, drei Mal täglicher Einnahme eines Pulvers gegen alles und dem schmerzhaften Herumdrücken aller Stellen des Körpers, die wirklich wehtun (…schon mal die Kniescheibe schön rotieren lassen?) hat sich kein durchschlagender Erfolg erzielen lassen. Der Kommentar meines „Physiotherapeuten“: „Man, bei dir ist irgendwie alles kaputt!“

Mag sein, aber bislang konnte ich trotzdem noch ohne Beschwerden aufrecht laufen, was zu diesem Zeitpunkt nicht ging. Wie haben wir schließlich das Problem in den Griff bekommen? Natürlich war unser bester Freund und Helfer, der Apotheker auf der anderen Straßenseite, mal wieder der Retter in der Not. Am Mittwoch, mittlerweile waren 12 Tage vergangen, bekam Frl. Taiwanoca nach Schilderung des Problems sechs kleine Beutel mit jeweils sechs verschiedenen Tabletten, die ich jeweils morgens und abends einzunehmen hatte. Am Donnerstagabend hatte ich das erste Mal wieder ein Gefühl der Kontrolle über meinen Fuß und am Freitagmorgen, oh Wunder, konnte ich wieder auf zwei Beinen stehen und schon wieder etwas herumlaufen!

Ein Teufelszeug muss dieser Pillenmix sein, deswegen hab ich Frl. Taiwanoca losgeschickt und noch mal Nachschub holen lassen. Natürlich waren die Beschwerden nicht schlagartig verschwunden, aber ich konnte wieder einigermaßen laufen und viel wichtiger noch, wieder zur Schule und zur Arbeit gehen, welches ganze zwei Wochen einfach nicht möglich war.

Meine Behandlung nach chinesischer Medizin habe ich dennoch abgeschlossen, da sie für meinen Fuß zwar nicht viel gebracht hat, es meinem Rücken aber dadurch besser ging. 😉

Die ganze Aktion hat mal so kurz überschlagen umgerechnet etwa 150 Euro gekostet, also Behandlung und Röntgen im Krankenhaus, Medikamente, Behandlung nach chinesischer Medizin und Transportkosten. Bis auf letzteres werde ich alles von der studentischen Unfallversicherung zurückerstattet bekommen. Als Fazit kann man wohl sagen, dass es schlimmer hätte kommen können, angesichts der Dauer meines Ausfalls hoffe ich aber, dass so etwas nicht so schnell wieder passiert.

Was für ein Theater hier!

Mensch, das war aber auch ein Theater hier in den letzten Wochen! Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe neben meinem Chinesischstudium und den zahlreichen Nebenjobs die restliche Zeit dieses Monats damit verbracht, Theateraufführungen der Deutschabteilung mit vorzubereiten. Geringfügig wurde ich dafür sogar bezahlt, obwohl es für mich darum eigentlich nicht ging. Ich finde, es macht einfach Spaß mit Deutschlernenden Taiwanern zusammen zu arbeiten, vor allem jetzt, da ich ihnen so manche Dinge auch auf Chinesisch erklären kann.

Insgesamt kann ich mich für drei verschiedene Theateraufführungen mitverantwortlich zeichnen, wobei es bei mir in erster Linie um Aussprache und darstellendes Spiel ging. Die ersten beiden Aufführungen waren im Rahmen eines schulinternen Wettbewerbs des ersten Jahrgangs der Deutschabteilung von Studenten, die also gerade erst etwas mehr als ein halbes Jahr Deutsch gelernt haben. Es ging um die Aufführung kurzer Theaterstücke aus dem Bereich Märchen. In meinen beiden Gruppen wurden dementsprechend eine Version von „Pinocchio“ bzw. „Frau Holle“ gespielt. Meine Güte, beides Märchen, die ich seit dem Kindergarten nicht mehr gehört hatte! Meine Arbeit begann mit der Verbesserung der Aussprache und ich war doch überrascht, wie gut sie es dahin schon konnten. War aber auch kein großes Wunder. Ihre Lehrerin ist so etwas wie eine gute Aussprache Fanatikerin, die bei jedem Fehler (für Chinesen ziemlich untypisch) sehr autoritär reagiert und zwanzigjährige Studenten auch mal zur Strafe in die Ecke stellt. Ich bin kein wirklicher Freund solcher Methoden, aber sie funktioniert und zwar so gut, dass ich feststellen muss, so eine relativ gute Aussprache noch nie vorher gehört zu haben. 😉

Natürlich gibt es immer wieder noch kleinere Fehler, die sich wohl nie abstellen lassen werden können, aber ich hatte ehrlich gesagt bei manchen Deutschen schon mehr Probleme sie zu verstehen, als es bei dieser Gruppe von taiwanischen Studenten der Fall war. 🙂

Der spielerische Teil war auch nicht unbedingt schwer einzuüben, allerdings oft, sehr oft sogar. Es ist ziemlich interessant zu sehen, wie zurückhaltend anfangs auf der Bühne gespielt und wie es bei jedem weiteren Üben dann schrittweise lebhafter wird. Ich glaube, man muss die Taiwaner nur mal so richtig aus der Reserve locken, um sie mal ihre traditionelle Zurückhaltung kurzfristig vergessen zu lassen.

Und was soll ich sagen? Nach einem spannenden Wettbewerb von insgesamt sechs verschiedenen Gruppen hat „Pinocchio“ doch tatsächlich gewonnen! Am Ende hat jeder irgendwie einen Preis bekommen, aber es kann halt nur einen Ersten geben. Das ist deshalb so wichtig, da der Sieger dieses Wettbewerbs zu einem weiteren Vergleich mit Deutschabteilungen anderer Universitäten fährt und jetzt ratet mal….auch diesen Vergleich entschied die „Pinocchio“ Truppe für sich!! Eine ganz tolle Leistung für Studenten des ersten Jahrgangs finde ich und ich hoffe, dass ihnen dieser Erfolg weitere Motivation für das Lernen der deutschen Sprache gibt.

Dieses war aber wie gesagt nur der erste Teil. Der zweite und weitaus schwierigere begann eigentlich schon vor knapp einem halben Jahr, als ich das erste Mal das Buch zum Theaterstück „Adam Geist“ von Dea Loher las. Mich würde es wundern, wenn jemand das Stück jetzt spontan kennen würde, da es für Theaterverhältnisse eigentlich noch brandneu ist (Uraufführung 1998). Dieses Stück hat sich die Theaterklasse des dritten Jahrgangs der Deutschabteilung ausgesucht auf der Bühne zu spielen, knapp zwei Stunden, natürlich komplett auf Deutsch.

Ich habe im letzten Jahr bereits die Gelegenheit gehabt, ein anderes Theaterstück des damaligen Kurses besuchen zu dürfen und war schlichtweg begeistert von der tollen Leistung der Studenten, so dass ich mir für dieses Jahr fest vorgenommen hatte bei Bedarf mitzuhelfen.

So war ich dann auch jeden Samstag Morgen bei den Proben dabei, Aussprache korrigieren, Spielszenen erklären usw. Das Gute daran war, dass ich die meisten Leute schon vorher ganz gut kannte, da sie im gleichen Jahrgang wie Frl. Taiwanoca sind (die übrigens auch im Theater mitspielte). Es war also immer ein relativ hoher Spaßfaktor dabei, obwohl das Theaterstück alles andere als eine Komödie ist.

Zum besseren Verständnis hier mal ein kleiner Textauszug von Frl. Taiwanocas Rolle:

adam-geist_003

Ganz schön heftig, oder? Dabei ist dieses eigentlich noch eine harmlose Variante des Originalstückes, welches wir unter keinen Umständen auf die Bühne hätte bringen können. Um es ehrlich zu sagen ist dieses Theaterstück äußerst provokativ, nicht jugendfrei, Gewalt verherrlichend und ausländerfeindlich, kurzum ein Spiegel unserer heutigen Gesellschaft, natürlich übertrieben fixiert auf nur eine einzige Person, aber in Ansätzen erschreckend real.

Die Frage war nun, ob es möglich sein würde, taiwanischen Deutschstudenten im dritten Jahr in die Lage zu versetzen, dieses Stück mit so einem Inhalt überzeugend auf die Bühne bringen zu können. Wieder einmal musste ich erkennen, dass das Ausdrücken von Gefühlen wie Wut, Trauer, Hass, Verzweiflung den Studenten in Taiwan viel größere Probleme bereitet als in Deutschland. Der Grund liegt einfach in der Erziehung und dem oftmals zitierten Gesicht bewahren in der Öffentlichkeit. Es hat daher schon einer Menge Überzeugung bedurft, bis es spielerisch auf einem überzeugendem Niveau war.

Dazu kam ja dann aber auch noch das ganze Drumherum. Bühnenbild, Kostüme, Licht, Ton, Plakate, Programmhefte, Einladungen und Sponsorensuche und wohlgemerkt, alles während des normalen Universitätsalltags und Nebenjobs. Letzten Endes waren dann die letzten paar Tage vor der Aufführung die anstrengendsten mit stundenlangem Üben, Kostüm-, Licht- und Tonproben und irgendwo ging immer was schief oder wollte nicht so klappen wie erwartet.

Und dann kamen die beiden Abende der Aufführung, beide Male vor vollbesetzten Rängen (ausverkauft kann ich in diesem Fall nicht sagen, da die Aufführung kostenlos war) und alles klappte nahezu reibungslos!. Ich saß als Souffleur direkt hinter der Bühne und konnte also nur zuhören, aber ich hab mir sagen lassen, dass auch die spielerische Leistung aller Akteure sehr ordentlich und mitreißend war.

Eigentlich schade, dass nun diese manchmal stressige, aber auf jeden Fall interessante und spaßige Zeit der Vorbereitung mit diesen jeweils knapp zweistündigen Auftritten an zwei Abenden ihr Ende genommen hat. Für alle Beteiligten, mich natürlich eingeschlossen, wird dieses dennoch eine lang bleibende Erinnerung bleiben mit der Gewissheit durch viel harte Arbeit wieder einmal etwas sehr Großes geleistet zu haben und wer weiß….falls mich im nächsten Jahr wieder jemand anrufen und um Hilfe fragen würde, wäre ich um ein zweites Mal bestimmt nicht abgeneigt.