Taiwan und China: Ein Spiegel der Zeit im Fokus

In den letzten Tagen machte in der nationalen und internationalen Presse die Aussage von Chinas Staatspräsident die Runde, eine Vereinigung mit Taiwan notfalls auch mit Gewalt zu erzwingen. Zur besseren Einordnung der aktuellen Situation in der so genannten Taiwan-Frage, befragten wir Prof. Dr. Ha Ri Bo, Co-Autor der in Fachkreisen stark beachteten Abhandlung über Sinophilie.

Taiwanoca: Sehr geehrter Prof. Dr. Ha Ri Bo, die Aussagen des chinesischen Präsidenten haben weltweit die Sorge vor einer militärischen Aktion Chinas gegen Taiwan verstärkt. Wie ernst ist die Lage?

Prof. Dr. Ha Ri Bo: Nun, lassen Sie uns am besten erstmal einordnen, in welchem Zusammenhang die Äußerungen von Xi Jinping eigentlich gefallen sind. Der 1. Januar 2019 markierte den 40. Jahrestag der „Botschaft an die Landsleute in Taiwan“ (siehe Textkasten unten), welche 1979 vom Nationalen Volkskongress verabschiedet wurde. Dies war auch der Zeitpunkt, an dem die USA die Volksrepublik China anstelle Taiwans diplomatisch anerkannten. Gleichzeitig stellte die Volksbefreiungsarmee die Bombardierung Kinmens endgültig ein. In der Taiwan-Frage also ein sehr wichtiges Datum, das zur damaligen Zeit eher eine Phase der Entspannung als eine Phase der Eskalation einläutete.

Text (Englisch) von http://www.china.org.cn/english/7943.htm
Deutsche Übersetzung von Taiwanoca

Botschaft an die Landsleute in Taiwan
(1. Januar 1979)

Der Ständige Ausschuss des Fünften Nationalen Volkskongresses verabschiedete auf seiner Fünften Plenarsitzung am 26. Dezember 1978 nach Diskussion eine Botschaft an die Landsleute in Taiwan. Im Folgenden finden Sie den vollständigen Text der Nachricht.

Liebe Mitbürger in Taiwan:

Heute ist Neujahrstag 1979. Hiermit grüßen wir Sie im Namen der Menschen aller Nationalitäten auf dem Festland unserer Heimat herzlich und aufrichtig.

Wie ein altes Sprichwort sagt: „Wenn die Festtage kommen, denken die Menschen umso mehr an ihre Lieben.“ Bei diesem glücklichen Anlass, an dem wir den Neujahrstag feiern, richten sich unsere Gedanken umso mehr an unsere Verwandten, unsere alten Leute, unsere Brüder und Schwestern in Taiwan. Wir wissen, dass du auch das Mutterland und deine Verwandten auf dem Festland im Sinn hast. Dieses gegenseitige Gefühl des langjährigen Seins wächst mit jedem Tag. Seit dem Tag, an dem Taiwan 1949 leider von der Heimat getrennt wurde, konnten wir nicht mehr miteinander kommunizieren oder besuchen, unser Heimatland konnte die Wiedervereinigung nicht erreichen, Verwandte konnten sich nicht mehr treffen, und unsere Nation, unser Land und unsere Bevölkerung haben darunter stark gelitten. Alle chinesischen Landsleute und Menschen chinesischer Abstammung auf der ganzen Welt freuen sich auf ein baldiges Ende dieser bedauerlichen Situation.

Die chinesische Nation ist eine große Nation. Sie macht fast ein Viertel der Weltbevölkerung aus und hat eine lange Geschichte und eine brillante Kultur, und ihre herausragenden Beiträge zur Weltzivilisation und zum menschlichen Fortschritt sind allgemein anerkannt. Taiwan ist seit der Antike ein unveräußerlicher Teil Chinas. Die chinesische Nation hat eine große Vitalität und Kohäsion. Im Laufe seiner Geschichte haben es fremde Invasionen und innere Unruhen nicht geschafft, unsere Nation dauerhaft zu spalten. Die Trennung Taiwans vom Mutterland ist seit fast 30 Jahren künstlich und widerspricht unseren nationalen Interessen und Bestrebungen, und dieser Zustand darf nicht fortbestehen. Jeder Chinese, ob in Taiwan oder auf dem Festland, hat eine zwingende Verantwortung für das Überleben, das Wachstum und den Wohlstand der chinesischen Nation. Die wichtige Aufgabe der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes, von der die Zukunft der gesamten Nation abhängt, liegt nun vor uns allen; es ist ein Thema, dem sich niemand entziehen kann oder sollte. Wenn wir nicht schnell damit beginnen, diese Uneinigkeit zu beenden, damit unser Mutterland frühzeitig wiedervereinigt wird, wie können wir dann unseren Vorfahren antworten und unseren Nachkommen erklären? Dieses Gefühl wird von allen geteilt. Wer unter den Nachkommen des Gelben Kaisers möchte als Verräter in die Geschichte eingehen?

In den letzten 30 Jahren hat sich der Status Chinas in der Welt radikal verändert. Das internationale Prestige unseres Landes nimmt ständig zu und seine internationale Rolle wird immer wichtiger. Die Menschen und Regierungen fast aller Länder setzen große Hoffnungen auf uns im Kampf gegen den Hegemonismus und bei der Sicherung von Frieden und Stabilität in Asien und der ganzen Welt. Jeder Chinese ist stolz darauf, die wachsende Stärke und den Wohlstand unseres Mutterlandes zu sehen. Wenn wir die gegenwärtige Uneinigkeit beenden und die Kräfte bald bündeln können, wird es kein Ende unserer Beiträge zur Zukunft der Menschheit geben. Die baldige Wiedervereinigung unseres Mutterlandes ist nicht nur der gemeinsame Wunsch aller Menschen in China, einschließlich unserer Landsleute in Taiwan, sondern auch der gemeinsame Wunsch aller friedliebenden Völker und Länder auf der ganzen Welt.

Die Wiedervereinigung Chinas steht heute im Einklang mit der Stimmung der Bevölkerung und dem allgemeinen Entwicklungstrend. Die Welt im Allgemeinen erkennt nur ein einziges China an, wobei die Regierung der Volksrepublik China die einzige legale Regierung ist. Der jüngste Abschluss des China-Japan-Vertrags über Frieden und Freundschaft und die Normalisierung der Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten zeigt noch deutlicher, dass niemand diesen Trend stoppen kann. Die gegenwärtige Situation im Mutterland, eine Situation der Stabilität und Einheit, ist besser denn je. Die Menschen aller Nationalitäten auf dem Festland arbeiten mit einem Willen für das große Ziel der vier Modernisierungen. Es ist unsere große Hoffnung, dass Taiwan frühzeitig in die Umarmung des Mutterlandes zurückkehrt, damit wir gemeinsam für die große Sache der nationalen Entwicklung arbeiten können. Unsere Staats- und Regierungschefs haben fest erklärt, dass sie die gegenwärtigen Realitäten bei der Verwirklichung der großen Sache der Wiedervereinigung des Mutterlandes berücksichtigen und den Status quo zu Taiwan und die Meinungen der Menschen in allen Lebensbereichen dort respektieren und angemessene Strategien und Maßnahmen zur Lösung der Frage der Wiedervereinigung ergreifen werden, um dem taiwanesischen Volk keine Verluste zuzufügen. Andererseits haben Menschen in allen Lebensbereichen in Taiwan ihre Sehnsucht nach ihrer Heimat und alten Freunden zum Ausdruck gebracht, ihren Wunsch geäußert, sich mit ihren Verwandten zu identifizieren und wieder zusammenzukommen“, und verschiedene Vorschläge unterbreitet, die Ausdruck ihrer ernsthaften Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die Umarmung des Mutterlandes sind. Da jetzt alle Bedingungen für die Wiedervereinigung günstig sind und alles festgelegt ist, sollte niemand gegen den Willen der Nation und gegen den Trend der Geschichte handeln.

Wir setzen Hoffnungen auf die 17 Millionen Menschen in Taiwan und auch auf die taiwanesischen Behörden. Die taiwanesischen Behörden haben sich stets entschieden für ein China ausgesprochen und sich gegen ein unabhängiges Taiwan ausgesprochen. Wir haben diesen Standpunkt gemeinsam und er ist die Grundlage für unsere Zusammenarbeit. Unsere Position war immer, dass alle Patrioten zu einer Familie gehören. Die Verantwortung für die Wiedervereinigung des Mutterlandes liegt bei jedem von uns. Wir hoffen, dass die taiwanesischen Behörden die nationalen Interessen wahren und wertvolle Beiträge zur Wiedervereinigung des Mutterlandes leisten werden.

Die chinesische Regierung hat die Volksbefreiungsarmee angewiesen, die Bombardierung von Jinmen (Quemoy) und anderen Inseln ab heute einzustellen. Entlang der Taiwan-Straße gibt es noch immer einen Zustand der militärischen Konfrontation zwischen den beiden Seiten. Dies kann nur zu von Menschen verursachten Spannungen führen. Wir sind der Ansicht, dass diese militärische Konfrontation zunächst durch Gespräche zwischen der Regierung der Volksrepublik China und den taiwanesischen Behörden beendet werden sollte, um die notwendigen Voraussetzungen und ein sicheres Umfeld für die Kontaktaufnahme und den Austausch beider Seiten in allen Bereichen zu schaffen.

Die anhaltende Trennung hat zu einem unzureichenden gegenseitigen Verständnis zwischen den Landsleuten auf dem Festland und auf Taiwan und zu verschiedenen Unannehmlichkeiten für beide Seiten geführt. Da ausländische Chinesen, die in fernen fremden Ländern leben, für Besuche und Touren zurückkehren und Wiedervereinigungen mit ihren Familien abhalten können, warum können sich Landsleute, die so nah, auf dem Festland und auf Taiwan leben, nicht frei gegenseitig besuchen? Wir sind der Meinung, dass es keinen Grund dafür gibt, dass solche Hindernisse bestehen bleiben. Wir hoffen, dass zu einem frühen Zeitpunkt Transport- und Postdienste zwischen beiden Seiten eingerichtet werden, um den Landsleuten beider Seiten den direkten Kontakt zu erleichtern, sich gegenseitig zu schreiben, Verwandte und Freunde zu besuchen, Touren und Besuche auszutauschen und akademische, kulturelle, sportliche und technologische Veränderungen durchzuführen.

Wirtschaftlich gesehen waren Taiwan und das Festland des Mutterlandes ursprünglich eine Einheit. Leider sind die Wirtschaftsbeziehungen seit vielen Jahren unterbrochen. Der Bau im Mutterland schreitet energisch voran, und es ist unser Wunsch, dass Taiwan auch wirtschaftlich erfolgreicher wird. Es gibt allen Grund für uns, den Handel zwischen uns zu entwickeln, indem wir das, was dem anderen fehlt, ausgleichen und einen wirtschaftlichen Austausch betreiben. Dies ist gegenseitig erforderlich und wird beiden Parteien zugute kommen, ohne beiden Seiten Schaden zuzufügen.

Liebe Landsleute in Taiwan,

Die strahlende Zukunft unseres großen Vaterlandes gehört uns und dir. Die Wiedervereinigung des Mutterlandes ist die heilige Missionsgeschichte, die unsere Generation erhalten hat. Die Zeiten gehen voran und die Situation entwickelt sich. Je früher wir diese Mission erfüllen, desto eher können wir gemeinsam eine beispiellose, brillante Seite in der Geschichte unseres Landes schreiben, zu den fortgeschrittenen Mächten aufschließen und mit ihnen für Weltfrieden, Wohlstand und Fortschritt zusammenarbeiten. Lasst uns die Hände zusammenlegen und gemeinsam für dieses glorreiche Ziel arbeiten!

Taiwanoca: Wurde das Thema von den Medien also missverstanden und in Wahrheit handelt es sich nur um eine Gedenkrede an die Ereignisse von vor 40 Jahren?

Prof. Dr. Ha Ri Bo: Keineswegs. Die Situation von 1979 hat sich auf beiden Seiten der Taiwan-Straße fundamental geändert. In Taiwan sowohl politisch als auch wirtschaftlich, in China vor allem wirtschaftlich. Man sollte die freundlichen Worte von damals auch nicht nur als treugläubigen Wunsch nach „Wiedervereinigung der Familie“ sehen, sondern als den festen und unveränderlichen Willen, Taiwan an China anzugliedern. Nur wäre dies damals, gerade auch durch den Schutz der USA, mit militärischen Mitteln nicht zu erreichen gewesen.

Ironischerweise haben sich die Beziehungen zwischen Taiwan und China seitdem, mit Ausnahme einer Vereinigung, ganz so entwickelt, wie es in der „Botschaft an die Landsleute in Taiwan“ erhofft wurde. Die Handelsbeziehungen sind sehr umfangreich, Transport- und Postdienste sind selbstverständlich und gegenseitige Besuche sind schon seit langem möglich. Dennoch wird sich China mit nichts anderem als einer formellen Angliederung Taiwan zufrieden geben. Es gehört einfach zum Selbstverständnis des Präsidenten Chinas und Vorsitzenden der Kommunistischen Partei, diesen „Traum“ der Chinesen Wirklichkeit werden zu lassen.

Taiwanoca: Haben die Menschen in Taiwan denn Angst vor einer chinesischen Invasion?

Prof. Dr. Ha Ri Bo: Angst ist denke ich das falsche Wort. Natürlich ist man sich in Taiwan der wachsenden militärischen Bedrohung Chinas bewusst und ob und in welchem Ausmaß die von den USA gemachten Äußerungen zum Schutz Taiwans im Falle eines Falles wirklich umgesetzt werden, ist vor allem jetzt ein sehr großes Fragezeichen. Auf der anderen Seite muss man aber auch erwähnen, dass in Taiwan gerade erst vor wenigen Tagen die letzten Wehrpflichtigen aus der Armee entlassen wurden und die Dauer der Wehrpflicht seit über einem Jahrzehnt sukzessive verringert wurde. Das spricht eigentlich nicht für eine Nation, die einen baldigen Krieg fürchtet. Gleichwohl versucht Taiwan natürlich, insbesondere durch den stetigen Kauf von militärischen Gütern aus den USA, sich gegen einen Angriff rüsten.

Taiwanoca: Wie denken die Menschen in Taiwan über die Beziehungen zu China?

Prof. Dr. Ha Ri Bo:  In einer Umfrage im November 2018 haben sich 83,4% der Befragten für die Beibehaltung des jetzigen Status ausgesprochen, gegenüber 8,6%, die nach einer sofortigen Unabhängigkeit streben und 3,1%, die sofort eine Angliederung an China möchten. Natürlich müssen solche Umfragen immer mit Vorsicht genossen werden, aber sie zeigt doch sehr deutlich, dass sich die meisten Taiwaner über die weitreichenden Konsequenzen einer drastischen Veränderung der aktuellen Situation bewusst sind. Denn auch wenn man durch die Berichterstattung ausländischer Medien diesen Eindruck bekommen könnte: im Alltag Taiwans ist nichts davon zu spüren, dass Taiwan ein isoliertes Land ist. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass Personen, die noch nie etwas von der besonderen Lage Taiwans in der internationalen Politik gehört haben, dies in keinem Bereich des alltäglichen Lebens spüren werden.

Taiwanoca: Ist mit Taiwan also eigentlich alles in bester Ordnung?

Prof. Dr. Ha Ri Bo: Leider nein. Bei anderen Angelegenheiten, sei es bei Sportereignissen im Ausland oder bei der Teilnahme an internationalen Organisationen, sieht es ganz anders aus. Hier macht China seinen ganzen Einfluss geltend, um Taiwan nicht unter seinem richtigen Namen antreten und nicht an Konferenzen teilnehmen zu lassen. Zudem werden ausländische Unternehmen durch die schiere Marktmacht von China unter Druck gesetzt, auf ihren Webseiten Taiwan ja nicht als eigenständiges Gebiet auftauchen zu lassen. Leider hat sich gezeigt, dass all diese Maßnahmen Wirkung zeigen und internationale Organisation und Unternehmen allzu bereitwillig den Druck Chinas nachgeben. Diese im Einzelfall eher kleinen, aber in der Häufigkeit doch sehr großen Demütigungen eines Landes, das den sehr westlich geprägten Wunsch nach einer friedlichen Demokratisierung in bewundernswerter Weise gemeistert hat, ist für viele Taiwaner ein sehr frustrierender Zustand.

Taiwanoca: Glauben Sie, dass es für eine friedliche Lösung nicht schon längst zu spät ist?

Prof. Dr. Ha Ri Bo: Wenn man von den Maximalforderungen beider Seiten ausgeht, dann ist eine Lösung ohne militärische Konfrontation tatsächlich wenig wahrscheinlich. Die Frage ist allerdings, was danach passieren würde. Ein Krieg wäre auf jeden Fall die schlechteste aller möglichen Optionen und zwar für beide Seiten.

Ohnehin ist es wenig verständlich, warum ausgerechnet das Militär das einzige Mittel sein sollte, diesen Konflikt zu beenden. China hat bereits jetzt ein sehr viel schlagkräftigeres Instrument zur Verfügung: seine Wirtschaft. Einer Drosselung der Handelsbilanz seitens Chinas hätte Taiwan, trotz aller Versuche, seine Handelsbeziehungen weiter nach Südostasien zu verlagern, wenig entgegenzusetzen. Im Jahr 2017 gingen 41% der taiwanischen Exporte nach China und Hong Kong und generierten einen Handelsüberschuss von knapp 79 Mrd. US-Dollar. Wenn China durch Schließungen oder Enteignungen taiwanischer Fabriken und Unternehmen auf dem Festland diesem Handelsstrom den Hahn zudrehen würde, hätte das dramatische Folgen auf die taiwanische Wirtschaft und den Wohlstand, in dem die Taiwaner jetzt seit fast zwei Generationen leben.

Es gibt da nur einen Haken. Mit so einer Maßnahme würde sich China wirtschaftlich selbst schaden und ehrlich gesagt wären die Folgen in der heutigen Zeit global vernetzter Lieferketten praktisch unabsehbar. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Taiwan und China könnte also genau der Grund sein, warum eine politische Zusammenarbeit in Zukunft nicht kategorisch ausgeschlossen werden muss.

Taiwanoca: Denken Sie da vielleicht an ein demokratisches China, dass sich an Taiwan angliedert anstatt umgekehrt?

Prof. Dr. Ha Ri Bo: Diese Frage kann niemand seriös beantworten, auch wenn es immer wieder mal versucht wird. Es geht aber auch gar nicht so sehr darum, dass eine Seite ihr politisches System radikal verändern muss, um für die andere Seite akzeptabel zu sein. Es geht darum, einen gemeinsamen Umgang miteinander zu finden, der nicht auf Drohung, Einschüchterung und Erpressung basiert. Es geht darum, einen kühlen Kopf zu bewahren und das Ziel eines friedlichen Miteinanders vor Augen zu haben und nicht auf die grellen und hitzigen Stimmen unserer Zeit zu hören, die stets nur nach radikalen Lösungen verlangen, aber darüber hinaus keinen Plan haben.

Taiwanoca:  Sind Xi Jinping und Tsai Yingwen, die Präsidentin Taiwans, die richtigen Leute dafür?

Prof. Dr. Ha Ri Bo: Sagen wir es mal so. Ich halte beide für schlauer als so manchen derzeitigen Staatschef in westlichen Ländern. Gleichwohl hat Tsai Yingwen als Mitglied und ehemalige Vorsitzende einer Partei, deren Wurzeln in der Unabhängigkeitsbewegung liegen, natürlich eine Position, die ihr weniger Handlungsspielraum als ihr Vorgänger lässt, der für mehr Nähe für China warb. Diese Erwartungshaltung von einigen Anhängern ihrer Partei, nämlich die Verbindungen mit China am besten ganz zu kappen und die taiwanische Unabhängigkeit auszurufen, mit dem in Einklang zu bringen, was für Frieden und Wohlstand in Taiwan vermeintlich am besten ist, könnte ein wichtiger Faktor in den nächsten Präsidentenwahlen Taiwans sein. Und auch Xi Jinping, obwohl fest im Amt installiert, muss seine Führungsstärke und vielleicht auch Härte immer wieder beweisen, wenn auch bislang zum Glück nur rhetorisch. Egal welche Person aber nun das höchste politische Amt auf einer der beiden Seiten inne hat, leicht wird es nie sein, die unterschiedlichen Erwartungen zu erfüllen.

Taiwanoca:  Zum Abschluss, wird es Taiwan in der jetzigen Form in 10 Jahren noch geben?

Prof. Dr. Ha Ri Bo (lacht): Dasselbe wurde ich vor 10 Jahren auch schon gefragt und 10 Jahre davor ebenfalls. Die Antwort sollte also klar sein!

Aber im Ernst. Alle Prognosen über die Zukunft haben eins gemeinsam: sie sind und bleiben Prognosen. Niemand kann seriös beantworten, was in den nächsten Jahren passieren wird. Wenn ich einen Wunsch äußern dürfte, dann wäre dieser, dass wir alle in Zukunft wieder zu mehr Sachlichkeit, mehr Vernunft und mehr Verständnis füreinander kommen könnten. Die Probleme dieser Welt wären damit zwar auch nicht auf einen Schlag gelöst, man könnte aber sicherlich besser über sie nachdenken.

Taiwanoca:  Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Zur Person:

Prof. Dr. Ha Ri Bo (蝦日波) ist staatlich anerkannter Residentologe in Taiwan. Nach seinem Abschluss am Taiwan Institut für Kommunikationsinformationen (TIKI) begann er seine akademische Karriere an der benachbarten Taiwan Akademie für Kommunikationsanalysen (TAKA) und wurde schon bald für seine kurzen und zielgenauen Analysestafetten bekannt. Auch auf dem chinesischen Festland genießt er als ehemaliger Leiter des Konfuzius Institut für Physiologie und Psychologie in Miulun, China (Abkz.: KIPPMICH) hohes Ansehen. Seine exzellenten Deutschkenntnisse erwarb Prof. Dr. Ha Ri Bo übrigens während eines längeren Studienaufenthalts in Bonn. Er ist allein stehend und ernährt sich weitestgehend von Müsliriegeln, eine Angewohnheit, die er von seinem ehemaligen Lehrer, einem Nahrungsmitteltechniker aus Bonn, übernommen hat.

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