Traurig, Wütend, Erstaunt

Eine Nachricht, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Mag in diesen Zeiten eine abgedroschene Floskel sein, aber ist nun mal die wahrscheinlich treffendste Beschreibung dessen, wie ich gestern auf die traurige Nachricht aus Taipeh reagiert habe. Ein vierjähriges Mädchen wird auf offener Straße vor den Augen ihrer Mutter enthauptet. Surreal. Grausam. Horror. Schlimmer als IS, was eigentlich die Überschrift dieses Artikels sein sollte, aber die Ereignisse und die Gefühlslage im Laufe des Tages lassen sich noch besser mit den folgenden Reaktionen beschreiben:

Traurig

Als Vater einer ebenfalls vierjährigen Tochter geht ein solches Verbrechen über meinen eigenen Verstand hinaus. Ich kann darüber nicht rational nachdenken, mich nicht in den Täter hineinversetzen, mir nicht überlegen, was für ein Motiv für diese Tat bestünde. Die einzige Erklärung ist der blanke Wahnsinn, eine krankhafte Psyche, etwas was man nicht kontrollieren kann … und gleichzeitig kommt dabei die Frage auf, warum jemand in so einem Zustand frei durch Taipeh laufen, sich vor der Tat ein Hackmesser kaufen und dann auf sein Opfer warten kann. Und an diesem Punkt setzt dann der vom Verstand gesteuerte Schutzreflex ein. Ich will es mir nicht vorstellen, ich will es auch nicht erklärt haben, und am liebsten hätte ich es gar nicht gelesen oder gehört.

Es ist einfach nur perfide, gerade weil es keinen Schutz davor gibt.

Ich gehe jeden Morgen, wenn ich meine Tochter in den Kindergarten bringe, durch einen kleinen Park mit einem Spielplatz. Was bin ich froh außer der trostlosen Mischung aus grauem Asphalt, parkenden Autos und alten und noch lange nicht fertig gebauten Häusern ein kleines grünes Fleckchen auf unserem täglichen Weg zu haben, mit echtem Gras und dicht nebeneinander stehenden Bäumen, die im Herbst sogar ein wenig Laub abwerfen. Wer schon lange in Taiwan lebt, wird das zu schätzen wissen.

In diesem Park sitzt fast jeden Morgen aber auch ein Typ auf einer Bank und starrt einfach nur ins Leere. Heute morgen hing er mit dem Kopf über der Rückenlehne und hat geschlafen, oder so getan. Ich gehe davon aus, dass er harmlos ist, weil wir mittlerweile dutzende vielleicht sogar hundert Male durch diesen Park und an diesem Typen vorbeigegangen sind. Wirklich sicher kann man sich aber nie sein.

Wütend

Laut diversen Magazinen und Instituten, die zwar niemand wirklich kennt, aber dennoch gern zitiert werden, ist Taiwan das zweitsicherste Land der Welt.

Und richtig. Im Vergleich zu gestern fürchte ich mich heute kein bisschen mehr vor einem Verbrechen in Taiwan, allerdings auch nicht weniger. Und trotzdem kann man die Liste des Grauens in den letzten Jahren nicht einfach so als Zufallsprodukt ansehen. Ich bin absolut kein Verfechter von Katastrophen-Rankings, aber um die folgenden Ausführungen zu verstehen, muss man sich mit den Taten zumindest oberflächlich befassen.

In aller Kürze:

21. Mai 2014 Taipeh Metro

4 Tote, 24 Verletzte bei einer Messerattacke in der U-Bahn

Täter ist ein 21-jähriger Student, der mal „etwas großes“ machen wollte

https://en.wikipedia.org/wiki/2014_Taipei_Metro_attack

29. Mai 2015 Taipeh

8-jähriges Schulmädchen in Taipeh auf der Schultoilette erstochen

29-jähriger Mann, der „von Stimmen, sozialem Druck und Arbeitslosigkeit“ zur Tat getrieben wurde

http://focustaiwan.tw/search/201505290029.aspx

20. Juli 2015 Taipeh Metro

4 Verletzte bei einer Messerattacke in der U-Bahn

27-jähriger Mann, der lange arbeitlos war und „schlechte Laune“ hatte

http://focustaiwan.tw/search/201507200026.aspx

Am selben Tag attackiert ein 15-jähriger Schüler eine Frau und einen Mann auf offener Straße in Taipeh.

Der Täter wollte „Menschen töten wie Cheng Chieh“ (siehe Taipei Metro 2014)

http://focustaiwan.tw/search/201507210001.aspx

1. Januar 2016 Taipeh Metro

Ein als „emotional instabiler“ 53-jähriger Mann bringt 4 Messer mit in die U-Bahn, wird von der Polizei nach dem Hinweis eines Fahrgastes verhaftet, ein Polizist wird bei der Annäherung an den Mann verletzt.

http://focustaiwan.tw/search/201601010024.aspx

28. März 2016 Taipeh

Ein 4-jähriges Mädchen wird in Taipeh auf offener Straße vor den Augen ihrer Mutter enthauptet.

Der 33-jährige Täter, gegenwärtig arbeitslos, wegen Drogendelikten vorbestraft,
begab sich 2014 ein Mal in eine psychiatrische Klink

http://focustaiwan.tw/news/asoc/201603280022.aspx

Am Tag darauf:

29. März 2016 Taipeh Metro

Ein Polizist der Taipeh Metro wird bei einer Messerattacke an Kopf und Rücken verletzt.

Der 28-jährige Täter, gegenwärtig arbeitslos, gibt als Motiv an, dass er „Polizisten einfach hasst“. Er war in psychiatrischer Behandlung und im Besitz eines Behindertenausweises.

http://focustaiwan.tw/news/asoc/201603290014.aspx

Um jetzt aber nicht den Eindruck zu erwecken, dass sich das Böse nur auf Taipeh konzentriert:

1. Dezember 2012 Tainan

Ein 10-jähriger wird auf der Toilette einer Spielhalle die Kehle durchgeschnitten

Der Täter, 29 Jahre, männlich, lange Zeit arbeitslos, überschuldet, von Familie entfremdet, leidet nach eigenen Angaben unter psychischen Problemen

Wollte töten, um lebenslang ins Gefängnis zu kommen, weil es ihm dort besser geht als in Freiheit

http://www.chinapost.com.tw/taiwan/local/tainan/2012/12/02/362795/Man-confesses.htm

Fällt etwas auf? In allen Fällen sind die Täter männlich und auf die ein oder andere Art Verlierertypen. Diese Täterbeschreibung kennen wir von Amokläufen in Deutschland und den USA zu genüge. Man kann es sich jetzt einfach machen und behaupten, dass diese Taten Einzelfälle sind weiterhin so tun, dass doch eigentlich alles in Ordnung sei. Man könnte aber auch mal darüber nachdenken, warum es in den letzten Jahren „mehr Einzelfälle“ gibt als es früher der Fall gewesen zu sein scheint.

Erstaunlicherweise hatte jemand im letzten Jahr bereits diesen Gedanken: http://focustaiwan.tw/search/201507210033.aspx

Was daraus geworden ist, weiß ich nicht, wahrscheinlich wohl nichts. Wahrscheinlich hat man sich auch ablenken lassen von der Terrorgefahr, in der sich Taiwan nach dem Auftauchen der ROC Flagge in einem IS Drohvideo angeblich befinden soll.

Aber damit ist jetzt Schluss! Jetzt wird gehandelt! Nicht weniger als 12 Stunden nach der Tat wurde bekanntgegeben, dass noch in dieser Woche über eine verschärfte Anwendung der Todesstrafe debattiert werden wird.

http://focustaiwan.tw/news/asoc/201603280033.aspx

Moment … war im vorletzten Bericht nicht die Rede von einer sich besser kümmernden Gesellschaft? Und hatte ich mir für diesen Artikel angesichts des traurigen Themas nicht eigentlich vorgenommen, ohne Sarkasmus auskommen zu wollen? War wohl beides ein Wunschtraum (…und dennoch werde ich versuchen mich zurückzuhalten)

Ob der Täter die Todesstrafe verdient hat? Keine Frage.

Ob die Todesstrafe solche Verbrechen verhindern kann? Natürlich nicht.

Ob man über eine Verschärfung der Todesstrafe direkt nach einem so berührenden Fall diskutieren sollte? Keineswegs.

Wisst ihr, das schöne an diesem Blog ist, dass ich hier alles so reinschreiben kann, wie es mir in den Kram passt. Aber egal, welchen Quatsch ich hier auch produziere, wird dies keine zwingenden Auswirkungen auf das Leben anderer Menschen haben. Bei Politikern ist das anders und bei populistischen Politikern (ja ich weiß, eigentlich ein Pleonasmus) erst recht.

Kann es denn nicht wenigstens mal einen Tag geben, an dem in Taiwan als Reaktion auf etwas sehr Trauriges nur Traurigkeit herrscht und nicht gleich der nächste Bullshitwagen angefahren kommt?

Erstaunt

Sich darüber aufzuregen bringt allerdings nichts. Meine Haltung zur Todesstrafe spielt in Taiwan sowieso keine Rolle. Ich diskutiere auch mit keinem Taiwaner mehr darüber, unmittelbar nach solchen Taten sowieso nicht, aber auch grundsätzlich nicht. In dieser Frage überlasse ich Taiwan gerne das, was es sich selbst so sehr wünscht und auch von allen Ausländern immer so gerne betont wird: die völlige Unabhängigkeit. Taiwan muss es selbst mit sich mit ausmachen, als angeblich fortschrittliches Land auf offensichtlich gesellschaftliche Probleme mit Steinzeitmethoden ohne Aussicht auf Erfolg zu reagieren.

Was mich am gestrigen Tag neben dem Gefühl der Traurigkeit und Wut in Erstaunen versetzte, war etwas ganz anderes. Bereits wenige Stunden nach der Tat gibt die Mutter des getöteten Mädchens ein Interview vor der versammelten Presse. Wer den Hintergrund nicht kennt oder kein Chinesisch versteht, könnte in meinen Augen den Eindruck bekommen, es ginge hier vielleicht um einen gebrochenen Arm.

Auch wenn das jetzt sensationslüstern klingt, aber:

Die Mutter hat wenige Stunden zuvor mit angesehen, wie die eigene Tochter enthauptet wird und gibt dennoch im Fernsehen ein den Umständen entsprechend gefasstes Interview?

http://focustaiwan.tw/news/asoc/201603280025.aspx

Die taiwanische Form des Witwenschüttelns hat in mir seit meinem ersten Tag in Taiwan nur Ekel und Wut erzeugt (Anzeichen davon könnten hier auch in manch anderen Artikeln zu finden sein….) und ich als Reporter in Taiwan oder auch taiwanreporter, du wirst mich hier sicher verstehen, würde in diesen Momenten meinen taiwanischen Presseausweis im Klo runterspülen und mich für meinen gesamten Berufsstand einfach nur schämen.

Aber auch in diesem Fall muss ich mich damit abfinden und es möglicherweise als „kulturellen Unterschied“ akzeptieren (von den geklauten Facebook Fotos nur 3 Stunden nach der Tat will ich gar nicht erst anfangen…)

Aber, der Grund warum dieser Teil nicht unter das Stichwort Wut, sondern Erstaunen fällt, ist dass die Aussage

Suspects in these kinds of random killings lose their minds temporarily, and no law can resolve this, the mother said, urging the government to address the problem at its roots.

„I hope that we can address family and education issues so that people like this will disappear from our society,“ the mother said. „I hope our children and grandchildren will never see someone like this again.“

so viel Richtiges enthält, dass am Ende dieses traurigen Tages doch noch Hoffnung besteht.

Mir ist es wie gesagt unbegreiflich, wie jemand an einem solchen Tag zu einem solchen Gedankengang überhaupt fähig ist, genau so wie es mir unbegreiflich ist, wie jemand eine solche Tat begehen kann. Und am Ende dieses Tages wird mir wieder einmal klar, dass ich sehr viele Dinge in Taiwan nicht begreifen kann und wohl auch nie begreifen werde.

Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion. – Voltaire

* * *

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