Taiwanschau 01/2016

Hallo und herzlich willkommen zur heutigen und ersten und vielleicht auch einzigen Ausgabe der Taiwanschau, den wichtigsten und unwichtigsten Nachrichten der letzten Tage und Wochen in Taiwan!

Totale Überraschung: Tsai Ying-Wen zur Präsidentin gewählt

Wie in diesem Blatt bereits vor 9 1/2 Monaten vorausgesagt, wurde Tsai Ying-Wen am 16. Januar zur neuen Präsidentin Taiwans gewählt. Gleichzeitig errang die DPP auch die absolute Mehrheit im Legislativ-Yuan. Klare Sache sollte man meinen, aber trotzdem ist Taiwan seit dem 18. Januar praktisch führungslos.

Dummerweise soll die Verfassung der Republik China vorsehen, dass das neue DPP-dominierte Parlament bereits am 1. Februar zusammentritt, die neue DPP-Präsidentin und damit auch die neue Regierung aber erst am 20. Mai. In der Praxis hätte das bedeutet, dass eine KMT-Regierung unter oder neben oder wie auch immer einem DPP-Parlament, hm was eigentlich, regieren wohl nicht, weil abgewählt, also noch irgendwas hätte machen sollen, aber nur nicht regieren.

Das fanden der jetzt ehemalige KMT-Premierminister Mao Chi-kuo und sein Kabinett auch irgendwie doof und traten daher geschlossen zurück. Der abgewählte, aber noch amtierende, weil Lahmarsch-Verfassung das so vorsieht, Präsident Ma Ying-jeou sagte dazu zwar „Nö, macht mal schön weiter“, woraufhin Mao wiederum sagte „Isch mir doch egal, digga“. Endlich mal ein Politiker mit Prinzipien!

Für die zurückgetretenen Minister rücken jetzt die Vizeminister nach, aber mehr als ihre Bürosessel für ihre Nachfolger warmhalten können sie eigentlich auch nicht tun. Vielleicht noch die Chiang Kai-shek Gemälde von der Wand nehmen, aber nicht wegschmeißen, denn in 4-8 Jahren kann sich so einiges tun! Größere Auswirkungen auf die allgemeinen Verhältnisse in Taiwan sind allerdings ob jetzt ohne oder mit Regierung nicht zu erwarten. Da in Taiwan sowieso fast jeder macht, was er will, wird den meisten Menschen der Zustand der Regierungslosigkeit womöglich gar nicht auffallen.

Korean Fried Chicken

Diese Geschichte hat einfach alles: Das zuckersüße Mädchen, den bösen Verräter, die treuen Fans, den hartherzigen Arbeitgeber, Schwarz und Weiß fein säuberlich getrennt, das perfekte Drama in drei Akten:

Akt I:

Chou Tzu-yu, genannt Tzu-yu, im Folgenden von mir aber Küken genannt, weil das Tippen von z und y auf einer chinesischen Tastatur mit deutschem Sprachlayout echt nervig ist, gewann letztes Jahr als damals 15-jährige eine Talentshow in Südkorea und ist seitdem Mitglied einer Girlgroup namens Twice (die anderen Mitgliederinnen scheinen alle Koreanerinnen zu sein).

Bei einem Auftritt in einer Fernsehshow schwenkte das Küken die Flagge Taiwans ohne sich groß was dabei zu denken. Das fand aber der in Taiwan geborene, aber jetzt in China lebende Verräter Sänger Huang An nicht so gut und löste einen Shitstorm im chinesischen Sina Weibo gegen das Küken aus. Zugleich beschwerte sich der chinesische Smartphonehersteller Huawei beim koreanischen Mobilfunkanbieter LG Uplus, was dazu führte, dass LG Uplus dem Küken einen Werbevertrag für die Promition eines Huawei Smartphones in Südkorea entzog. Dieses wiederum führte natürlich zu scharfen Protesten in Taiwan, in deren Verlauf man auf Facebook wieder zweifellos feststellen konnte, dass Beleidigungen, Hasstiraden und Morddrohungen kein rein deutsches Phänomen in sozialen Netzwerken ist.

Akt II:

Das koreanische Management des Kükens, JYP Entertainment, gibt eine Erklärung ab, in der es sich in aller Form für das Verhalten des Kükens entschuldigt und auch das Küken selbst muss in einem fast schon im Stile eines IS-Propagandavideos aufgezeichnetem Videostatements um Entschuldigung bitten und sich als Chinesin bezeichnen. Die Anmerkung meinerseits, dass man dies doch auch hätte ablehnen, das unterwürfige Management und die Band verlassen und in Taiwan damit zur Nationalheldin aufsteigen können, rief indes ungläubiges Kopfschütteln von Besitzern taiwanischer Pässe auf. Man könne doch so eine Gelegenheit nicht einfach wegwerfen. Komplizierte Sache, das mit den Prinzipien.

Dieses Statement fachte den Gegenshitstorm natürlich noch weiter an und selbst der Präsident meinte zu dem Thema Stellung beziehen zu müssen und laut einer Umfrage ließen sich rund 11% der Wähler in Taiwan von der Kontroverse bei der Parlamentswahl beeinflussen. Nicht schlecht für ein Küken.

Akt III:

Jetzt rund eine Woche später scheint wieder alles in Ordnung zu sein und das Küken hat zusammen mit ihrer Band bei den Golden Disc Awards in Südkorea den Preis als beste Newcomer gewonnen. „Ganz in schwarz in sexy Outfits gekleidet, strotzten sie dem eisigen Winterwetter (Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt) in Seoul und erhielten den warmen Applaus des Publikums„. The show must go on and there is no business like show business!

Stöckelschuh of Broken Dreams

Chiayi County, den meisten bestenfalls durch den Halt des Schnellzugs auf den Weg nach Kaohsiung bekannt, bietet ab dem 8. Februar eine neue und ganz speziell auf Frauen zugeschnittene Attraktion: eine 17 Meter hohe und 11 Meter breite Stöckelschuh-förmige Installation aus blauem Glas, das in Form und Größe an eine Kirche erinnert, obwohl sie laut Erbauer keinen religiösen Zwecken dienen soll, vorausgesetzt man zählt die Ankurbelung des Tourismus verbunden mit mehr Einnahmen resultierend in mehr Profit als Merkmal des Kapitalismus nicht auch zu einer Art Religion.

Wer sich übrigens gerade nicht so richtig vorstellen kann, wie eine 17 Meter hohe und 11 Meter breite Stöckelschuh-förmige Installation aus blauem Glas, das in Form und Größe an eine Kirche erinnert, genau aussieht, keine Sorge, ich konnte es ohne Foto auch nicht.

Das Design soll übrigens an die Schwarzfuß-Krankheit in den 1950er Jahren in Taiwan erinnern, bei der vielen Frauen der Fuß amputiert werden musste, was ihre Träume zunichte machte, mit Stöckelschuhen auf einem roten Teppich zu laufen. Ursprünglich sollte der Name „Cinderella High-Heel Church“ lauten, aber da es ja gar keine Kirche, sondern eine Art Gedenkstätte für die Betroffenen einer schlimmen Krankheit sein soll, hat man diesen Namen wieder fallenlassen. Wie der eigentliche Name jetzt lautet, war bis zum Redaktionsschluss leider nicht herauszufinden, Hinweise dazu sind sehr willkommen.

Da aber Schwarzfuß nicht so richtig zu Blauschuh passt, saugt sich der Erbauer noch eine andere Erklärung aus den Fingern erwähnt der Erbauer noch, dass die funkelnde Struktur eine Nachricht der Freude an junge Leute für eine glänzende Zukunft vermitteln soll.

Pünktlich zum 8. Februar, dem ersten Tag des Frühlingsfestes und damit der Woche, in der Taiwaner allesamt auf Achse sind, stehen in der Kirche, der Installation, also der Kircheninstallation, mehr als 100 „Frauen-inspirierte Installationen (was ist das?) zur Ansicht zur Verfügung, darunter Stühle für „Liebende“, Ahornblätter (häh?), Kekse und Kuchen, die alle tolle Motive für Fotos bieten.

Da der Verfasser dieser Zeilen die Bedeutung des letzten Satzes nicht versteht, bleibt an dieser Stelle nur die Bitte, der Redaktion doch bitte Fotos der „Frauen-inspirierten Installationen“ zukommen zu lassen, sofern jemand den Weg nach Chiayi findet. Vielen Dank!

Arsch auf Grundeis: Es wird kalt Leute!

Papa, müssen wir jetzt alle sterben? So oder so ähnlich fällt wahrscheinlich die Reaktion von kleinen Kindern aus, sollten sie die Horrormeldung der Taiwan an diesem Wochenende drohenden Kältewelle vernehmen. Dabei kann ich die Angst schon verstehen. Im nasskalt versifften Norden Taiwans könnten einem Temperaturen von deutlich unter 10 Grad schon ziemlich empfindliche Stellen verkühlen. Als Zentraltaiwaner hat man dieses Problem nicht so sehr, aber trotzdem, wer sich als Deutscher der taiwanischen Meinung anschließt, das Temperaturen unter 10 aber noch deutlich über 0 Grad todsterbenskalt (冷死) seien, der hängt bei der zweiten Maß beim Oktoberfest  wohl auch schon kotzend in den Seilen. Ein bißchen mehr Haltung, bitte!

Interessant in dem Zusammenhang auch die Meldung, dass ein Teil von Highway Nr. 5, das ist der von Taipeh nach Yilan, im Falle von überfrierender Nässe gesperrt wird und Autofahrer doch bitte auf andere Strecken ausweichen mögen. Ich mein, geniale Idee eigentlich! Wäre doch auch was für Deutschland. Die Kosten für den Winterdienst lassen sich auf Null senken, wenn man den Winterdienst einfach abschafft und Straßensperrungen bei Schnee und Glätte entlasten dazu noch die Umwelt und vermeiden Unfälle! Per Ski die A7 von Füssen nach Flensburg runter, schlappe 950 Kilometer, wer ist dabei?

Benzin günstiger als Wasser

Wo wir bereits beim Autofahren sind. Der Preis für 1 Liter Super (95) Benzin bei CPC fällt am Sonntag voraussichtlich auf 19,3 NT (Normal 92 auf 17,8 NT und Diesel auf 15,1 NT). Damit ist 1 Liter Benzin offiziell günstiger als 1 Liter Wasser, wobei ich das jetzt nur aus dem Kopf schreibe, weil mein heimischer Wasserfilter Made in Germany mich schon seit Jahren von Wasserkäufen (leider nicht von Filterkäufen) unabhängig gemacht hat. Sollte hier auch nur kurz erwähnt werden.

Eisprung

Die schlimmste Nachricht zum Schluss: Während Benzin dieser Tage immer billiger wird, muss man für Tee-Eier, ach nee komm, Teeeier sieht einfach besser aus, jetzt 2 NT mehr bezahlen, nämlich 10 NT anstatt 8 NT. Herausgekommen ist diese schändliche Preisabsprache des Kwik-E-Mart Oligopols durch die Erhöhung in allen 7-Eleven Läden, wohingegen es bei derselben Erhöhung in allen Family Mart Läden im Oktober und allen OK Mart Läden im November von den Medien unbemerkt blieb. Da sieht man mal, wo taiwanische Redakteure ihre Teeeier kaufen!

Geheimtipp: Hi-Life, in deren Läden ich glaube noch nie mehr als zwei Kunden (inklusive mir) gleichzeitig gesehen habe, verkauft seine Teeeier weiterhin zum Preis von 8 NT. Ob sich aber der wahrscheinlich weitere Weg zu Hi-Life anstatt zu 7-Eleven, Family Mart und OK Mart trotz der niedrigen Benzinpreise rechnet, um den geldwerten Vorteil von 2 NT zumindest noch teilweise „ummünzen“ zu können, muss der zu dieser Überlegung neigende Leser jetzt allerdings selbst ausrechnen (und immer darauf achten, dass die eine oder andere Straße wegen Glatteis gesperrt sein könnte!)

Als Entschädigung hier aber ein anderes Rechenexempel:

Hi-Life soll letztes Jahr Teeeier im Wert von 150 Millionen NT verkauft haben. Bei etwa 1.300 Läden und einem Preis von 8 NT ergibt das:

150.000.000 / 8 = 18.750.000 Teeeier im Jahr

18.750.000 / 1.300 = 14.423 Teeeier pro Laden

14.423 / 365 = 39,5 Teeeier pro Tag pro Laden

Familiy Mart hat etwa 3.000 Läden in Taiwan. Bei angenommener gleicher Teeeiverkaufszahl von 39,5 pro Tag und Laden ergibt das:

39,5 x 3.000 x 365 = 43.252.500 Teeeier im Jahr

Dasselbe Spielchen für 7-Eleven mit mehr als 5.000 Läden in Taiwan:

39,5 x 5.000 x 365 = 72.087.500 Teeeier im Jahr

Fehlt nur noch OK Mart mit etwa 900 Läden:

39,5 x 900 x 365 = 12.975.750 Teeeier im Jahr

Zusammengerechnet ergibt das:

18.750.000 + 43.252.500 + 72.087.500 + 12.975.750 = 147.065.750 Teeeier im Jahr

Um es einfacher zu machen: 147 Millionen Teeeier oder 6,4 Teeeier pro Einwohner im Jahr, ein Wert der allerdings noch durchaus höher liegen könnte, da ich mir ziemlich sicher bin, dass 7-Eleven und Family Mart relativ gesehen noch mehr Teeeier verkaufen als hier rechnerisch angenommen (wir haben zumindest noch nie ein Teeei bei Hi-Life gekauft!)

Daraus ergeben sich jetzt zwei Fragen: Wer kauft eigentlich halbe Teeeier und würde ein Deutscher, der nicht in Taiwan lebt, unter dem Begriff Teeei dasselbe verstehen wie ich?

Darüber können Sie jetzt, der Kälte des Wochenendes ganz sexy ganz in schwarz, mit einem dampfenden Teeei in der linken, einem Huawai Telefon in der rechten (zum Kaputthauen) im Kwik-E-Mart Ihres Vertrauens nachdenken. Viel Spaß dabei!

Informationen zu allen hier genannten Themen lassen sich bei Focus Taiwan (Englisch), Radio Taiwan International (Deutsch) und Taiwan Heute (Deutsch) finden.

2 Gedanken zu “Taiwanschau 01/2016

    • Dieses komische Internetz sagt, dass 92 dem in D mittlerweile ausgestorbenen Normal, 95 Super und 98 SuperPlus entspricht, wobei es letzteres auch mit 100 Oktan geben kann. Find ich übrigens ne Frechheit, dass die das in Taiwan nicht so schreiben wie in D😉

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s