Übertaiwanisiert

Es ist ja so. Wenn eine Zeitung mal nicht weiß, was sie schreiben soll, dann macht sie einfach eine „10 Dinge, die….“ Liste, die in weiteren Ausbaustufen noch mit Klickstrecke und Teaser wie „Punkt 8 wird dich zu Tränen rühren“ garniert wird.

Mir schwante also böses als ich gestern Abend meinen Feedreader öffnete und im (zur Informationsbeschaffung leider notwendigen) Focus Taiwan folgende Überschrift las:

Ten ways you know you’re turning into a local in Taiwan

„Man gut, dass morgen auch noch Feiertag ist“, dachte ich mir, denn das Ablästern über solche Listen ist einer meiner Lieblingsbeschäftigungen und leichtes Material für diesen Blog😛

elendAlso dann, schnell mal Luft holen und rein ins Elend!

10 Dinge, an denen man laut Focus Taiwan erkennt, dass man als Ausländer zu einem Taiwaner wird und warum ich mich nach Durchsicht dieser Liste als absolut übertaiwanisiert bezeichnen würde:

1. You’re an MRT Maestro

You can waltz through the MRT turnstiles without stopping because you’ve found that sweet spot in your wallet where your Easy Card can be read by the machine without you having to lug it out.

Eigentlich ein guter Start, aber dann denke ich mir, dass das eigentlich schon wieder so was von oldschool ist. Dieses Rumgefuchtel mit den Handtaschen ist doch affig und klappt nie mit 100%iger Sicherheit. Und dann….meistens mitten im Feierabendgetümmel und noch besser im absolut vollbesetzten Bus, müssen sie eventuell doch ihr Kärtchen rausholen, was dann eine gefühlte Ewigkeit dauert. Der moderne Pendler hat seine EasyCard in der rechten Hosentasche sitzen, aus der die Karte beim Passieren der Schranken in einer fließenden Bewegung zum Sensor und anschließend wieder in die Tasche zurückgeführt wird. Und seit Neustem steckt der Mann von Welt in Taipeh seine Benefiz-Porno-EasyCard sowieso gar nicht mehr ein, weil es um das Schmuckstück ja viel zu schade wäre😛

2. You’re mostly over your 101 obsession

Your Facebook news feed is basically a shrine to photos of Taipei 101 that your friends upload on a daily basis. But now you only take the occasional picture, and only when you’re convinced you’ve captured the perfect balance of lighting and composition that is completely unlike any of the other million or so photos of 101 out there.

Als Taipei 101 Anfang 2005 offiziell eröffnet wurde, habe ich als erster und einziger Ausländer auf der Aussichtsplattform im 89. Stock gearbeitet (für 85 NT die Stunde). Da es wie jeder 85-NT-die-Stunde-Job ein ziemlich mieser Job war, habe ich nie wirklich den Drang verspürt, meinen damaligen Arbeitsplatz mehr als zwei Mal auf ein Foto bannen zu müssen. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

3. You hoard receipts

You religiously save your receipts from every purchase, as you are absolutely convinced that next time is the time your uniform invoice lottery numbers will line up and you’ll be able to enjoy a very early retirement.

Bin ich drüber hinweg, weiß gar nicht, ob es meine Frau noch macht, aber nach Möglichkeit landen die Kassenbons in der Spendenbox oder beim Frühjahrsputz im Müll.

4. You plan your Typhoon Days

The night before a typhoon hits, you constantly refresh the official government forecast page in the hope that you will see the magical words — „school and work cancelled.“ Even before it’s announced you’ve already planned the whole day off to a tee, and have booked a karaoke room in advance because you know its impossible to do so once the day off is official.

Armselig. Als Freiberufler macht ein Taifuntag, Feiertag, Wochenende sowieso keinen Unterschied für mich und der einzige Plan an einem Taifuntag früher an der Uni/im Büro war ausschlafen und den Tag zu Hause abgammeln. Das ist glaube auch der ganze Sinn eines Taifuntags, anstatt den Niedriglohnjobbern im KTV/Kaufhaus/Supermarkt das Gefühl zu geben, nur Jobs 2. Klasse zu haben, die auch bei Windstärke 13 zur Arbeit zu erscheinen zu haben, um den Arbeitnehmern 1. Klasse anspruchsgerecht zur Verfügung zu stehen.

5. You barely feel the earth move anymore

You barely blink an eye when you feel a minor earthquake, but when it’s a really big one you excitedly update your Facebook and share stories the next day detailing exactly where you were, your reaction and afterthoughts.

Schon mal auf den Gedanken gekommen, dass man das bei größeren Beben macht, um seiner Familie und Freunden auf der ganzen Welt zu sagen, dass alles in Ordnung ist? Bei dem Beben in Chile letzte Woche war ich sehr froh, dass sich meine Bekannten bei Facebook gemeldet und sogar die „I am safe“ Funktion genutzt haben.  Von den traditionellen Medien kann man eine seriöse Berichterstattung ja heute nicht mehr erwarten….

6. You can squat it like it’s hot

You no longer fear falling to your death when you have to use a squat toilet, and you’ve grown accustomed to the „in the bin, not the bowl“ toilet paper rule.

Wie viele Stehklos gibt es denn bitte noch in Taiwan? Die einzige, die mir auf Anhieb einfällt, ist die in unserem örtlichen Schwimmbad und mal ehrlich….wenn es wirklich dringend ist, dann ist ein Stehklo weitaus besser als gar kein Klo. Außerdem gute Übung für die Beinmuskeln.

7. You know the correlation between drinking and foreign language fluency

After several rounds of cheap beer and shouting ganbei! (乾杯, bottoms up) at rechao (熱炒) restaurants you’re absolutely convinced your Mandarin has dramatically improved and that everyone must bear witness to your new-found fluency.

Man braucht kein Alkohol, um fließend Mandarin zu sprechen. Ein Sprachkurs reicht völlig aus.

8. You know how to use the Holy Word

You live by the golden word, which, said enough times, can resolve any problem, answer any question and basically make you sound like you know way more Mandarin than you actually do — „Dui, Dui, Dui“ (對, 對, 對).

Anfängerfehler. Das goldene Wort in Taiwan ist chabuduo (差不多) und wenn das nicht funktioniert meibanfa (沒辦法).

9. You’re all over the local places to score cheap eats

You cringe at paying more than NT$150 (US$4.45) for a meal, even though to eat out regularly in your home country you basically have to take out a bank loan.

Oh, ihr Leute aus Taipeh, NT$150…. Mein Schwiegervater hat dafür eine Menge Schimpfwörter auf Taiwanesisch übrig. Zu Hause wird natürlich (meistens) selbst gekocht mit Sachen frisch vom Markt.

10. People accept you’re in Taiwan (not another place beginning with T)

Your family and friends have finally stopped thinking you’re living in Thailand, after your painstaking efforts to make it very clear you definitely live in Taiwan.

Also ich weiß nicht, wie das bei Anglikanern ist, aber mein Familien- und Freundeskreis konnte Taiwan und Thailand schon immer auseinanderhalten. Wenn das vorkam, dann nur bei vollkommen Fremden, die ohnehin unter dem Andy Möller Gedenkmotto leben: Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!

Und jetzt aber der Oberknallerhammer:

Even more special is when after a while, Taiwanese people stop seeing you as a foreigner, and start thinking of you as one of their own.

Sorry Leute, aber bei dem Satz werd ich zum Franz-Josef Wagner:

Liebe Monica Mizzi,

ich mache mir normalerweise nicht die Mühe, nach Autoren von drittklassigen Artikeln einer bestenfalls zweitklassigen Onlinezeitung zu googlen, aber in diesem Fall musste ich mir einfach anschauen, wer so einen Stuss Satz schreibt. Ihr Linkedin Profil weist Sie als Praktikanten bei Focus Taiwan seit diesem September aus, zudem belegen Sie seit März einen Chinesischkurs an der NTU. Dazu folgendes Zitat:

I am currently studying Mandarin at Taiwan’s most prestigious university on a scholarship awarded by the Taiwanese Government

Das sagt natürlich einiges, entschuldigt manches, aber halt nicht alles. Sie betreiben auch ein englischsprachiges Blog, das laut einem Interview mit einem anderen englischsprachigen Blog eines der besten, vielleicht sogar das beste Blog über Taiwan sein soll. Ich habe jetzt weder Zeit noch Lust, das zu überprüfen, hege in meiner Brust aber einen leichten Zweifel ob des Wahrheitsgehalts dieser Aussage. Liegt aber natürlich auch immer im Auge des Betrachters. Meine Mutter sagte immer „unter den Blinden ist der Einäugige König“, ich wünsche ihnen daher mehr Sicht auf die Dinge des Lebens. Nach gerade mal 7 Monaten in Taiwan scheinen Sie sich ja bereits sehr gut auszukennen, vom Gefühl mehr als ich, der sich immer noch seine Gedanken macht, ob eine Integration von Ausländern in Taiwan überhaupt möglich und gewollt ist. Vielleicht sind Sie einfach um einige Potenzen schlauer als ich, vielleicht lassen Sie sich aber auch als Sprachrohr einer von der Regierung finanzierten Zeitung unwissentlich oder gar wissentlich ausnutzen, um Ihr LinkedIn Profil weiter schmücken zu können. Ich werde Ihnen dabei nicht folgen, hab sowieso keine Zeit, denn meine Frau hat das Essen fertig. Reis mit ganz viel frischem Gemüse und ein wenig Rindfleisch. Mit Liebe gekocht, was einfach unbezahlbar ist.

Herzlichst mit ganz viel Herz, Ihr FJW!

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