Das schönste Theaterstück der Welt

So manche Themen scheinen sich irgendwie mit aller Macht aufdrängen zu wollen, zumindest habe ich beim Thema Hochzeit in diesem Monat stark den Eindruck. Das fing damit an, dass ich auf der Facebook Seite meiner Heimatzeitung in Deutschland einen kleinen Shitstorm bewundern durfte, weil das örtliche Standesamt am 15.5.15, den Freitag nach Vatertag Christi Himmelfahrt, wegen eines Brückentages geschlossen hatte und so manches Brautkleid bis zum 16.6.16 vielleicht nicht mehr passt, wenn man denn unbedingt an einem „besonderen“ Datum heiraten möchte. Weiter ging es mit dem 20.5.15 in Taiwan, oder besser gesagt mit dem 5/20 in taiwanisch-amerikanischer Schreibweise, an dem die Standesämter in Taiwan gestürmt wurden, weil die Zahlen 5, 2 und 0 im Chinesischen ja so ähnlich klingen sollen wie das chinesische „Ich liebe dich“. Das stimmt zwar ganz und gar nicht, aber wir wären nicht in Taiwan, wenn es nicht die meisten Leute trotzdem glauben würden. Und die Krönung war jetzt, dass ich gerade von einer Hochzeitsfeier wieder nach Hause gekommen bin, welche jetzt die neunte oder zehnte innerhalb der letzten zwei Jahre war. Fast nur Gleichaltrige im Freundes- und Bekanntenkreis zu haben, macht sich bei diesem Thema halt mit voller Wucht bemerkbar.

Dabei gehören Hochzeiten in Taiwan eigentlich zu den Themen, über die ich zwar schon oft genug nachgedacht, aber dennoch immer wieder verworfen habe, denn die Gefahr ist meines Erachtens hier ziemlich hoch, dass jemand das Geschriebene in den falschen Hals bekommt. Deswegen gleich mal vorweg als Shitstorm Präventionsmaßnahme: soll jeder so machen, wie er und sie will, solange er und sie damit glücklich sind.

Ich bin hier aber auch nicht der Einzige mit dieser Meinung, denn es gab da noch eine Begebenheit, die sich bei der letzten Hochzeitsfeier (also vor ungefähr zwei Monaten) zutrug. Dort hatte ich einen anderen Ausländer getroffen und ich ihm die Frage gestellt, was er denn so von Hochzeiten in Taiwan halte und das kurze Verdrehen der Augen und der gequälte Gesichtsausdruck ließen mich wissen, dass ich hier einen Gleichdenkenden gefunden habe. Falls sich nämlich jemand fragen sollte, wie alle normalen Hochzeitsfeiern in Taiwan aussehen, so braucht dieser jemand nur einer normalen Hochzeitsfeier beizuwohnen. Alle anderen sind dann zu 99% identisch. Ich verspüre jetzt allerdings nicht den Drang, das Prozedere in allen Einzelheiten hier zu beschreiben und freue mich an dieser Stelle, dass dies einige Landsleute bereits für mich erledigt haben. Danke dafür!

Was mich viel mehr umtreibt ist die Frage, warum sich das praktisch alle Brautleute in Taiwan antun. Ich muss dazu übrigens noch ein bißchen weiter ausholen. Vor 10 Jahren habe ich mich hier in Taiwan mal mit einer deutschen Soziologin über das damalige Wretch-Phänomen unterhalten. Wretch.cc war damals eine Plattform für Fotoalben und Blogs, noch lange vor Facebook, auf der gefühlt 99% aller Schülerinnen und Studentinnen und 98% aller Schüler und Studenten ihre Fotos hochladeten, vom Umfang und der Sichtbarkeit für die Öffentlichkeit noch um ein einiges höher und weiter als es bei Facebook jemals gewesen ist (in Taiwan kann man daher ironischerweise fast sagen, dass Facebook eher zum Schutz der Privatsphäre beigetragen hat als andersrum). Das Wort Selfie gab es übrigens noch nicht, obwohl es in Taiwan schon fleißig praktiziert wurde. Damals als Taiwan-Neuling war ich darüber natürlich stark verwundert, und das obwohl ich damals schon einige Jahre lang Webseiten/Blogs geschrieben habe.

Es gab ihrer Meinung nach aber einen ganz einfachen Grund dafür. Ich hab jetzt nicht die entsprechenden Fachbegriffe auf Lager, aber im Grunde ist es so: Das taiwanische Bildungssystem ist ja sehr auf Gleichförmigkeit fixiert. Schuluniformen, kein Ausleben der eigenen Persönlichkeit in der Pubertät (vor 20-30 Jahren war Makeup, Dauerwelle, lackierte Fingernägel bei Mädels oder Ohrringe bei Jungs an den meisten Schulen in Taiwan noch undenkbar …. deswegen traut sich keine Taiwanerin über 30 heute Fotos aus der High School zu zeigen, fragt mal nach ;)) also insgesamt eine Umgebung, die in ihrer Gleichheit eher dem Militär nahe kommt.

Später an der Universität, für viele auch das erste Mal die Gelegenheit dauerhaft von zu Hause weg zu sein, möchte das natürlich von einem Großteil alles nachgeholt werden und auf Wretch gab es damals auch die gesamte Palette von den biederen Braven bis zu den provokant Promiskuitiven zu sehen. Alles recht einleuchtend, denn machen wir uns nichts vor. Taiwaner geben sich nach außen hin gern sehr offen und tolerant, sind aber oftmals in einem Netz aus Traditionen gefangen und ich sage bewusst gefangen, weil mir dies jetzt bereits mehrmals im Vertrauen genau so beschrieben wurde. Später nach der schönen Zeit an der Uni geht es dann ins Berufsleben und wer sich auch nur ein wenig in Taiwan auskennt, der weiß, dass für viele taiwanische Chefs die Kreativität und Individualität von Mitarbeitern in etwa so erstrebenswert ist wie die Bekanntschaft mit dem Norovirus….

Bei all der Gleichmacherei sollte man doch also davon ausgehen, dass zumindest der schönste Tag im Leben etwas ganz Einmaliges, Individuelles, Kreatives, Spontanes, Verrücktes sein sollte. Aber vergesst es!

Wie bereits oben gesagt, bitte nicht falsch verstehen! Ich freue mich für jedes Brautpaar, auf dessen Hochzeit ich eingeladen werde, schließlich sind es meine Freunde (…ich gehe prinzipiell nicht zu Hochzeiten von Leuten, mit denen ich im normalen Leben nie wirklich was zu tun hatte oder habe, ich aber aus welchen Gründen auch immer eingeladen wurde), nur würde ich mich auf der Hochzeitsfeier meiner Freunde auch gerne als solcher Freund fühlen und nicht als Teilnehmer einer bis ins letzte Detail einstudierten Choreografie. Die einzige persönliche Ausnahme davon ist der Besuch der Braut vor der eigentlichen Show in der Garderobe, also eigentlich durch meine Frau, aber ich darf netterweise immer mit rein🙂

Dort herrscht dann irgendwie immer genau so eine Atmosphäre wie früher vor den Theaterauftritten. Ich hab in meiner Studienzeit in Taiwan und auch noch danach ja öfters mal bei den deutschen Theateraufführungen taiwanischer Studenten mitgeholfen und was mir neben der tollen Entwicklung der Studenten in Erinnerung blieb, ist diese besondere Stimmung, wenn man in der Garderobe sitzt und die Zuschauer draußen bereits hört und man weiß, dass es jetzt in wenigen Minuten gleich losgehen wird.

Und es gibt noch weitere Parallelen. Denn genau so wie wir damals Moderatoren, Empfangsleute und Leute am Funk zur Kommunikation mit der Technik gehabt haben, genau so werden ja auch Hochzeitsfeiern in Taiwan begleitet.

Allerdings ist es im Theater sehr wahrscheinlich stets unterhaltsamer, weil dort in der Regel immer etwas Neues und Überraschendes geboten wird. Bei taiwanischen Hochzeiten beschränkt sich die Überraschung für mich mittlerweile auf den Inhalt der Speisekarte, denn …. und jetzt kommt es ganz dicke …. ich steh nicht so auf Meeresfrüchte. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist, aber je teurer das Essen, desto weniger mag ich es! Generell ist es so, dass ich mit dem ganzen Tamtam nicht wirklich was anfangen kann. Zu viel, zu laut, zu künstlich. Ich halte es für bedenklich, dass ich so manche Braut auf den Hochzeitsfotos gar nicht mehr richtig erkennen kann, weil die Aufmachung nichts, aber auch gar nichts mehr mit dem eigenen Stil gemeinsam hat. Schön sind sie alle, denn ich weiß, dass Taiwan über jede Menge wirklich guter Stylisten verfügt. Aber genau so muss es laut Drehbuch ja auch sein.

Man muss es sich nur mal auf der Zunge zergehen lassen. Eine Braut auf einer taiwanischen Hochzeit mit einem weißen Brautkleid, wobei Weiß in der chinesischen Kultur ja allgemein als Farbe der Trauer gilt. Sicherlich, das mit dem Brautkleid wird mittlerweile seit Jahrzehnten in Taiwan so gemacht und ich scheine wohl der Einzige zu sein, der sich über diese sinnlose Vermischung asiatischer und westlicher Bräuche noch wundert und dies auch irgendwie bedauert. Dies und das Gedudel von Bruno Mars. Was würde ich darum geben, mal bei einer Hochzeit oder generell einer traditionellen Zeremonie der Ami oder Atayal dabei zu sein, einfach mal um etwas komplett ohne westlichen Einfluss zu erleben.

Aber Moment wird sich der ein oder andere jetzt denken. Der Herr Taiwanoca ist doch auch schon lange verheiratet, also muss er diesen Zirkus doch selbst bereits mitgemacht haben. Nicht wirklich und das gleich aus mehreren Gründen. Meine allererste Hochzeit in Taiwan war nämlich zufälligerweise meine eigene!😉 Ich habe wirklich erst bei späteren Hochzeitsfeiern meiner Freunde und Kollegen erfahren, wie es dort eigentlich abläuft. Für uns war sowas zudem allein aus organisatorischen und finanziellen Gründen gar nicht möglich. Heute, mehr als acht Jahre später, überkommt mich natürlich manchmal das schlechte Gewissen, meiner Frau damals nicht das gleiche geboten haben zu können. Sie macht mir darüber aber keine Vorwürfe (zumindest keine von denen ich weiß…), sondern sieht es als Folge dessen, was wir nun mal in Taiwan sind: nämlich ein ziemlich besonderes Paar. Vielleicht werden wir uns mal den Spaß eines Hochzeitsalbums gönnen, vielleicht auch nicht. Eigenständig zu entscheiden ist was Tolles.

Was ich allerdings auch bereits an mehreren Stellen gelesen habe, ist die Aussage, dass viele Hochzeitspaare in Taiwan den ganzen Trubel weniger wegen sich, sondern eher ihren älteren Verwandten zu Liebe veranstalten. Ich kann leider nicht beurteilen, inwiefern heute ältere Taiwaner aus Treue zur Tradition noch darauf bestehen oder vielleicht aus zu viel Respekt und kindlicher Pietät nach gar nichts anderem gefragt werden. Erfahrungsgemäß liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte.

Aber selbst wenn es so wäre, dann könnte man doch trotzdem ein wenig Individualität einfließen lassen. Es muss jetzt niemand sein Haus umbauen, um 200 Gäste beherbergen zu können, aber wenn man sich schon für so ein Hochzeitszentrum mit 5 parallel stattfindenden Hochzeitsfeiern entscheidet, wie wäre es denn mal mit einer Mottofeier, keine Ahnung was, meinetwegen Hello Kitty. Irgendwas, das Spaß macht und woran man sich auch in 20 Jahren noch gerne erinnert. Von außen wird Taiwan ja gerne als so ein bißchen verrückt und überdreht dargestellt (wie es z.B. Pro7 mit der Betty goes Taiwan Reihe versucht) und im Alltag gibt es ja tatsächlich ziemlich viele kleine Verrücktheiten, die das Salz in der taiwanischen Suppe ausmachen. Von daher, mein Wunsch, keine Forderung: Pfeffert doch auch mal eure Hochzeitsfeiern ein wenig an. Macht was eigenes und serviert nicht immer einen Einheitsbrei. Jeder gestandene Ehepartner wird bestätigen, dass eine Ehe durch Abwechslung spannend gehalten wird. Warum sollte dann also ausgerechnet die Hochzeitsfeier als offizieller Start in die Ehe ein Prozedere ohne Abwechslung sein?

7 Gedanken zu “Das schönste Theaterstück der Welt

  1. Danke fuer die Texte. ich habe alle gelesen, und ja, ich muss sagen, dass ich ein paar Saetze nicht ganz verstehe.😉 (und manche Woerter finde ich nicht in Woterbuch…) Trotzdem verstehe ich fast 80% und finde es Interessant. In Taiwan haben mir meine Freunde, die schon verheiratet sind, gesagt, dass ihre Hochzeit ihnen nicht sondern ihre Eltern. Es kommt auch „Generation“ Streik zwischen Aeltern und Jungendlichen wegen des Programms der Hochzeit. Ich wuerde dir ein taiwanesisches TV Programm vorstellen (含苞欲墜的每一天). Ein Teil wird auch den Streik der Hochzeitform dargestellt.

    • Also 80% sind schon sehr sehr gut, da der Text für jeden Nichtmuttersprachler wirklich eine Herausforderung darstellt. Und manchmal verstehe ich meine Texte selber nicht.😛 Im Artikel hatte ich die Pietät der Kinder (孝順) ja schon angesprochen. Ist ein interessantes, aber auch schwieriges Thema, weil ich mich damit nur sehr schwer identifizieren kann. Vielleicht werde ich darüber irgendwann einmal einen Artikel schreiben, denn Erfahrung darüber gesammelt habe ich in Taiwan schon mehr als genug.

  2. Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Wir wollten bei unserer Hochzeit taiwanische und deutsche Traditionen vermischen und sehr naiv etwas anderes machen. Am Ende hat es nur dazu gereicht, dass die Blumenkinder ein Dirndl getragen haben. Alles andere ist der taiwanischen Tradition und dem Respekt der Alten geopfert worden. Und das mit dem Essen kann ich nur bestätigen. Je teurer umso schlechter. Der Witz ist, dass viele Taiwaner diese Essen auch nicht mögen und trotzdem bestellen um zu zeigen wie „reich“ man ist.

    • Also falls meine Tochter jemals in Taiwan heiraten sollte, stelle ich ihr und dem Bräutigam auf jeden Fall einen Baumstamm zum Durchsägen in den Weg. Da ich ja dann auch selbst zu den Älteren gehöre, kann mir das auch keiner abschlagen😉

      Und zum Essen gibt es wahlweise Currywurst, Schnitzel oder Frikadellen/Buletten/Klöpse/Fleischpflanzerl (damit jeder weiß, was gemeint ist) und auf jedem Tisch ein 5 Liter Fäßchen, das leer sein muss, bevor die Gäste nach Hause gehen dürfen!

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