Harte Homos in Haft?

Man könnte ja meinen, dass jetzt zu Beginn des Sommers in Taiwan, wo sich die Hotpants in Micropants verwandeln und man in der Öffentlichkeit auch Sachen zu sehen bekommt, die doch vielleicht lieber vom Wintermantel hätten bedeckt bleiben sollen (gibt natürlich auch Ausnahmen, hab ich gehört…), da könnte man also meinen, dass man in Taiwan eigentlich recht entspannt auf leichte Fälle von „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ reagieren würde. Ist aber anscheinend nicht so.

Was war passiert? Also für die folgende Geschichte gibt es natürlich keine Gewährleistung, dass die Einzelheiten auch wirklich so stimmen, denn wir bewegen uns hier nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes, sondern auch medial hart unter der Gürtellinie, aber da müssen wir jetzt durch: Focus Taiwan berichtet von einem Video „im Internet“, dass zwei Männer in einem fahrenden Zug beim Oralverkehr zeigt. Dieses Video tauchte dann später irgendwo „im Internet“ auf und das moralische Vorbild aller Medien in Taiwan, die Zeitung Apple Daily, berichtete darüber (natürlich mit dem Video) und machte die Bahnpolizei darauf aufmerksam. Ich setze hier ja mal extra keinen Link zu Apply Daily, weil man Scheiße auch finden kann, ohne mit der Nase darauf gestoßen zu werden (warum sind eigentlich alle Firmen mit Apple im Namen so unsympatisch?). Wer sich die Story im Original durchlesen möchte, der braucht nur nach 口交 auf der Webseite zu suchen und sich aus den 3.755 Artikeln aus den letzten 12 Jahren die aktuellsten durchlesen.

Boah, Taiwanoca übertreibt doch schon wieder! 3.755 Artikel mit dem Stichwort Oralsex, so ein Blödsinn!!

Wirklich?!

applebj

Ok…

Die Bahnpolizei ermittelt nun daraufhin den genauen „Tatort“ und die „Verdächtigen“ und verhaftet diese wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und Verbreitung obszönen Materials. Der Tatort war ein Regionalzug der Pingtung Linie kurz vor Fengshan um die Mittagszeit, also eigentlich tote Hose. Allerdings nicht für die „Verdächtigen“, die als ein 34-jähriger „Bläser“ und 32-jähriger „Empfänger“ und einen 47-jährigen „Filmer“ identifiziert werden. Sie sollen sich in einer Chatgruppe bei Line zu der „Tat“ verabredet und das Video dann innerhalb dieser Chatgruppe verbreitet haben. Ein vierter „Verdächtiger“, nennen wir ihn „Whistleblower“ (hihi), sieht das Video „im Internet“ und lädt es auf sein OneDrive hoch (hihi), weil er denkt, dass es lustig sei, wenn andere Leute so was sehen. Danach wird es dann merkwürdig, deswegen muss ich mal kurz zitieren:

Police said they were able to nab Cheng after they hacked into Cheng’s Microsoft cloud storage account.

Bitte was? Die taiwanische Bahnpolizei hackt sich in das System eines amerikanischen Konzerns, um einen Sittenstrolch dingfest zu machen? So weit ich weiß werden Cyberangriffe auf amerikanische Server von den USA als Terrorangriffe mit den entsprechenden Konsequenzen eingestuft. Focus Taiwan sollte sich vielleicht lieber mal einen anderen Blödsinn ausdenken oder eben halt die harmlosere Variante schreiben, dass man sich von Microsoft Taiwan wahrscheinlich die IP-Adresse hat geben lassen.

Wie dem auch sei, bei mir als Leser ergeben sich mindestens drei Fragen.

Zum einen: Wer erregte hier eigentlich den öffentlichen Ärger? Laut Meldung habe zum Zeitpunkt der „Tat“ nur ein weiterer Fahrgast im Zugwagon gesessen, der anscheinend gar nichts davon mitbekommen hat. Ein „Motiv“ der „Verdächtigen“ soll ja die Provokation gewesen sein, warum man sich dafür allerdings einen Provinzzug um die Mittagszeit ausgesucht hat, bleibt unklar. Wieder mal mehr Schein als Sein, wie so oft in Taiwan. Ist es nicht eher so, dass erst die „Enthüllung“ durch Apple Daily den „öffentlichen Ärger“ ausgelöst hat?

Zum anderen: Verhaftung und Strafandrohung von bis zu 2 Jahren Gefängnis (neben der medialen Hinrichtung natürlich)? Für die Verbreitung von obszönem Material? Wann wird bitte nochmal das Gefängnis für sämtliche Apple Daily Mitarbeiter gebaut?😉

Und dann noch: Sind die Bahnpolizisten von Pingtung so eine Art Superbullen mit unglaublich kriminalistischem Scharfsinn und einer Top-Hackeraustattung? Leider wird im Artikel mehrmals von Bahnpolizei, Polizei und Ermittlern gesprochen, so dass nicht ganz klar ist, wer da genau beteiligt war, aber da am Ende des Artikels der Chef der Bahnpolizei von Kaohsiung ja stolz verkündet, dass seine Beamten mit „Adleraugen immer Ausschau nach abscheulichen Angriffen auf die Moral halten“ und dabei wahrscheinlich von der eigenen Computer Organisation Cyber Kriminalität (kurz: COCK) unterstützt wird, ist es wahrscheinlich so.

Das sind immer solche Sachen, die ich an Taiwan nicht verstehe: diese superscheinheilige Doppelmoral, die so einfach und schneller zu entlarven ist als sich jeder von uns die Hose runterziehen kann.

Fakt ist: Niemand wurde bei dem „Vorfall“ verletzt und die ganze Beschreibung der Szene deutet eher darauf hin, dass sie im Falle einer möglichen Beobachtung durch weitere Fahrgäste eh nicht die Eier gehabt hätten, ihre „Provokation“ auch wirklich durchzuziehen. Das soll nicht heißen, dass sie einfach so davonkommen sollen, aber Gesetzesverstöße im öffentlichen Raum ohne Schaden Dritter kommt in Taiwan jeden Tag ungefähr 5,6 Millionen Mal vor, ein Teil davon sogar unter den Augen der Polizei. Lasst sie daher meinetwegen eine Woche lang den Bahnhof fegen und gut ist, körperliche Ertüchtigung soll ja schon immer gut gegen Überdruck gewesen sein.

Und wie die Sache verlaufen wäre, wenn es sich bei dieser „Tat“ nicht um zwei Männer, sondern um zwei Frauen oder vielleicht auch „nur“ um einen Mann oder eine Frau gehandelt hätte, überlasse ich jetzt mal der Fantasie des Lesers, sowie von Focus Taiwan und Apple Daily. Wer die Fantasie allerdings nicht aufbringen kann, der kann sich auch des oben genannten Suchbegriffs bedienen. Im Bestand von Apple Daily wird sich sicherlich etwas in der Richtung finden lassen….

PS: Das Thema hat eigentlich mehr als eine Überschrift verdient. Als Special daher einige weitere Überlegungen von mir, weitere Anregungen in den Kommentaren sind erwünscht:

SOKO Bahn – Härter als Stahl

Die schönsten Bahnstrecken Taiwans

Der unsichtbare Dritte und virtuelle Vierte

Bahnreport – harte Fakten, die schockieren

und demnächst vielleicht im Kino:

Fellatio in Fengshan – was Martin Scorsese wirklich in Taiwan drehte!

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