Der neue Haus… Bürgermeister von Taipeh

Nach vielen Jahren der Verweigerung verfolge ich seit einiger Zeit wieder regelmäßig die Nachrichten in Taiwan. Denn Einträge auf Facebook wegen Unwissenheit nicht zu verstehen ist uncool. Und das erste große Thema in dieser neuen Zeit war der Wahlkampf um das Bürgermeisteramt in Taipeh.

Zum ersten Mal Notiz davon nahm ich mit dem Artikel von taiwanreporter über Sean Lien.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich weder etwas von ihm noch von Ko Wen-je gehört. Abends in den Nachrichten sah ich dann beide. Auf der einen Seite der für taiwanische Verhältnisse hünenhafte, medial geschliffene und wie ein im Wahlkampf befindlicher Politiker auftretende Sean Lien und auf der anderen Seite der für taiwanische Verhältnisse … (überleg) … nicht wirklich hünenhafte, für meine Ohren stets etwas nuschelnde und irgendwie zerknittert aussehende Ko Wen-je.

Bei der mit Spannung erwarteten Fernsehdebatte zwischen den beiden ist mir gegenüber meiner Frau dann auch noch sinngemäß der folgende Satz rausgerutscht:

Also rein von der Vorstellung her wie ein Bürgermeister von Taipeh aussieht, macht Sean Lien eindeutig die bessere Figur!

Ihr kennt diese Blicke, die töten können? Genau!

(⊗ nebenbei gleich mal die politische Einstellung der Familie andeuten)

Durch die daraus resultierende eheliche Funkstille konnte ich mich dann auf die Inhalte als das Äußere der beiden Kandidaten konzentrieren und da begann sich das Bild zu wandeln. Nicht dass ich den Aussagen solcher Wahlkampfreden wirklich Glauben schenke, aber Ko Wen-je feuerte auf jeden Fall weniger vorgestanzte Worthülsen in die Zuschauermenge als sein Kontrahent. Und im Laufe des weiteren Wahlkampfs, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Werdegänge und natürlich dem Gedanken an einen echten Wechsel der politischen Verhältnisse war auch mir recht schnell klar: Mit Ko Wen-je wird der richtige gewinnen!

Hat er ja dann auch und damit begann der absolute mediale Aufstieg.  Denn um Sean Lien wurde es nach den Kommunalwahlen Ende November ziemlich schnell ziemlich still. Ein Schicksal, das er mit der immer so freundlich winkenden Chen Yi-chen aus Chiayi teilt, die an der medialen Berichterstattung gefühlt noch gerade so einen Anteil von 5% erhaschen konnte. But the winner takes it all.

Und so lief im gesamten Januar in den Abendnachrichten eigentlich immer die Ko Wen-je Show, mit Kamerateams vor seinem Haus, im Haus seiner Eltern, vor dem Haus seiner Eltern, im Rathaus unten vor den Aufzügen, im Sitzungszimmer des Rathauses, bei sämtlichen Terminen außer Haus, bei sämtlichem Terminen im Haus, beim Essen ….. bei jedem Interview fehlte eigentlich nur noch der folgende Satz:

Oh, und falls wir uns nicht mehr sehen sollten, guten Tag, guten Abend und gute Nacht!

War aber gar nicht nötig, weil die Nachrichtenleute ihn nach dem Morgen bestimmt noch drei bis acht Mal gesehen haben. Da macht es auch eigentlich keinen Unterschied, dass Ko Wen-je eine Kandidatur für das Präsidentenamt in Taiwan bereits ausgeschlossen hat, denn mehr Airtime als Ma Ying-jeou hat er ohnehin schon.

Was kann man über Professor Ko, KP oder den mächtigsten Jackenträger von ganz Taipeh nach rund 6 Wochen Amtszeit also sagen? Natürlich noch nicht sehr viel. Dass man zu Anfang einfach mal ein paar Leute rausschmeißt, ab und an mal unüberlegt ins Mikro quatscht, Bauprojekte rückgängig macht oder in Frage stellt, gehört zu einem politischen Neuanfang wohl einfach dazu. Betreffen tun mich die Entscheidungen sowieso nicht, also achte ich jetzt doch wieder verstärkt auf sein Auftreten.

Und da muss ich sagen …. also wenn ich nicht wüsste, wer Ko Wen-je ist und er mir im Rathaus von Taipeh auf dem Flur zufällig über den Weg laufen sollte, ich würde ihn eher für den Hausmeister als den Bürgermeister halten😉

Ach nein wie oberflächlich! Stimmt, aber ich denke, KP als BM von TP wird das ganz locker sehen. Ich wundere mich auch nur. Taipeh, das politische, wirtschaftliche, kulturelle Zentrum Taiwans, das Aushängeschild Taiwans für die Welt, Standort des längsten, höchsten, zweithöchsten, dritthöchsten, vierthöchsten eines der höchsten Wolkenkratzer und vielleicht schon bald die erste Stadt in Taiwan mit mehr U-Bahn Stationen als 7-Elevens, wählt einen Mann zum Bürgermeister, der in Bezug auf sein Auftreten auch der Vorsitzende des Brieftaubenzüchtervereins Zhong Shan Nord sein könnte. Toll! Und komisch zugleich! Taiwan eben.

Was ich mir für Ko Wen-je als Bürgermeister von Taipeh wünsche? Eigentlich nur, dass er irgendwann mal in Ruhe seinen Job erledigen kann. Es ist zwar keine ganz so falsche Idee, einen transparenten Politikstil durch ständige Präsenz vor den Medien zum Ausdruck zu bringen, allerdings gab es da auch mal einen deutschen Bundeskanzler mit dem Zitat:

„Zum Regieren brauche ich nur BILD, BamS und Glotze.“

War bekanntlich nicht das beste Rezept und so einer bis zwei Bundespräsidenten hatte es mit den Medien am Ende auch nicht ganz so einfach. Von daher, Augen auf werter Professor Ko, der Schritt in die große Politik Taiwans ist ein sehr mutiger, hoffentlich nicht ein zu großer.

Nachtrag: Im Jahr 2013 berichtete Ko Wen-je den Medien, dass bei seinem Sohn das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde und er selbst seit seiner Kindheit auch Symptome davon zeige. Meine erste Reaktion darauf war der Gedanke den ganzen Artikel hier zu löschen. Mein zweiter Gedanke war diesen Nachtrag zu schreiben und zu erklären, warum ich meinen ersten Gedanken für einen Fehler halte. Im gleichen Artikel erwähnt Ko Wen-je nämlich auch, dass er sich in seinem Leben nicht davon beeinträchtigt sieht. Etwas weiter gedacht könnte dies vielleicht auch einen Bestandteil dessen ausmachen, was ihm zum Gewinner der Wahl gemacht hat: seine Originalität und seine detailreiche Sprache. Wenn dieser erfrischende Stil das Symptom einer Krankheit sein sollte, dann frage ich mich, ob das, was wir in der Politik als normal betrachten nicht vielleicht eine viel schlimmere Krankheit ist.

Ein Gedanke zu “Der neue Haus… Bürgermeister von Taipeh

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