Kinder großziehen in Taiwan

Falls es einige noch nicht wissen sollten: Ich bin dieses Jahr im Juli Papa geworden🙂 So eine große Veränderung im Leben hat natürlich auch einen Einfluss auf meine Sicht der Dinge. Ich erinnere mich, dass ich bereits etwas über Kinder in Taiwan geschrieben habe (gehen sehr spät schlafen, großer Druck in der Schule), aber ich habe noch nicht darüber nachgedacht, wo das Leben für Kinder eigentlich besser ist: in Taiwan oder in Deutschland?

Ich habe zwei deutsche Bekannte, die auch jeweils mit einer Taiwanerin verheiratet sind und letztes Jahr ein Kind bekommen haben. Beide haben sich kürzlich dazu entschieden Taiwan zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren, um ihren Kindern eine bessere Umgebung zu bieten. Wachsen Kinder in Taiwan also in einer feindseligen Umgebung auf? Liegt darin vielleicht der Grund an der superniedrigen Geburtenrate in Taiwan?

Wenn ich mir anschaue wie Taiwaner mit Kindern umgehen, dann habe ich nicht so einen negativen Eindruck. Obwohl ich am Verantwortungsgefühl der Taiwaner zweifle, muss ich wirklich sagen, dass Taiwaner sehr kinderlieb sind. Ich denke die Bezeichnung „kleiner Freund“ (Anm.: 小朋友 Synonym für Kinder bis ca. 12 Jahre) steht für eine Gesellschaft, in der Kinder willkommen sind. In Deutschland gibt es so eine Bezeichnung nicht… und anders als in Deutschland glaube ich auch, dass die allermeisten Taiwaner den Lärm und das Verhalten von Kindern tolerieren können.

Von der Seite betrachtet scheint Taiwan ein guter Ort für Kinder zu sein. Aber wir sollten hier zwei Sachen voneinander unterscheiden. Was ich oben erwähnt habe sind meiner Meinung nach „weiche Fakten“, nämlich ein Gefühl, das die Gesellschaft einem jeden vermittelt. Auf der anderen Seite gibt es „harte Fakten“, die wichtigen Dinge des Lebens, in Bezug auf Kinder wohl Geld, Bildung und Umgebung.

Wenn man Kinder großziehen möchte, kostet das Geld, das ist nun mal so. In Taiwan ist die Situation des Kindergeldes aber recht armselig. Wir haben einmalig einen Betrag von 10.000 NT (ca. 250 Euro) erhalten, das war alles. In Deutschland bekommt man für ein Kind monatlich ca. 7.500 NT (184 Euro), bis das Kind fertig studiert hat. Ich habe gehört, dass man in Taipeh monatlich auch Kindergeld beziehen kann, aber Taipeh ist nicht ganz Taiwan oder sind Kinder in Taipeh schlichtweg mehr wert als andere Kinder in Taiwan?

Ich weiß, dass sich diese Situation aufgrund der extrem niedrigen Geburtenrate in Taiwan wahrscheinlich bald ändern wird, aber egal ob Kindergeld oder Elterngeld, Taiwan wird wohl niemals den Stand Deutschlands erreichen (wollen?).

In Bezug auf Bildung: Ich habe hier bereits geschrieben, was ich vom taiwanischen Bildungssystem halte. Was mich angeht, so kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, meine Tochter in Taiwan zur Schule gehen zu lassen, den ganzen Tag zu lernen, den Druck des taiwanischen Bildungssystems auszusetzen und für dieses System auch noch Geld zu bezahlen!! Ich denke, die Bildungsfrage könnte ein Grund sein, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Das deutsche Bildungssystem zählt natürlich auch nicht zu den besten der Welt, aber in Deutschland können Kinder neben dem Lernen auch noch ihre Kindheit genießen.

Ein weiterer wichtiger „harter Fakt“ ist die Umgebung. Seien wir mal ehrlich, würdest du dich trauen, von der Eingangstür deines Hauses einen Kinderwagen zu schieben? Würdest du dich trauen, den Kinderwagen bis zum nächstgelegenen Spielplatz zu schieben? Fühlst du dich mit einem kleinen Kind auf Taiwans Straßen sicher? Natürlich…Menschen ohne Verantwortungsgefühl brauchen sich über so etwas keine Gedanken zu machen, aber ich werde niemals aufhören können mich über den Verkehr in Taiwan aufzuregen.

Wenn ich mir die obigen Probleme so anschaue, dann muss ich wirklich sagen, dass die Kinder (und Eltern) in Taiwan ein beschwerliches Leben haben. Taiwans Gesellschaft liebt sie, aber die Regierung scheint sie fast zu bestrafen. Die Regierung scheint nicht in der Lage zu sein, den Kindern das Leben zu erleichtern. Ich persönlich habe mich dazu entschlossen, von jetzt an jedes Jahr die oben erwähnten Punkte zu betrachten und zu überlegen, ob ich diese Defizite noch akzeptieren kann. Ich hoffe, dass Taiwan sehr schnell Lösungen für diese Probleme wird finden können, aber ich befürchte eher, dass Taiwan noch viele Jahre benötigen wird, um diese Sachen überhaupt zu verstehen.

8 Gedanken zu “Kinder großziehen in Taiwan

  1. Pingback: Kindheit in Taiwan, Taifune und Flucht ins Grüne: Deutsche Taiwan-Blogschau #7 « Brennpunkt Taipeh – News aus Taipei, Taiwan

  2. Interessante Gedanken. Bin auch im Juli Vater geworden (in Taipei), daher beschäftigt mch das sehr. Die Exkursionen durch verstopfte nach Abgasen riechende Straßen ohne Bürgersteige mit dem Kinderwagen bringen mich auch immer an den Rand des Nervenzusammenbruchs…

    Deutsche Schule gibt es in Taipei, aber teuer. Kindergarten fängt mit 1000 Euro monatlich an.

  3. Erst mal noch ganz weit nachträglich Glückwunsch zum Junior🙂 Hatte es gedanklich schon mehrmals ausgerichtet, da ich natürlich auch dann und wann mal in die Blogs und ins Forum schaue.

    Deutsche Schule in Taipei weiß ich natürlich, aber ich sag mal so: Man sollte ja schon noch bescheiden sein. Reicht ja schon, wenn die Leute nur von einem denken, dass man als laowai mit Frau und Kind in Taiwan die Taschen bis oben hin voll hat, da muss man ja dann nicht noch wirklich so handeln, als ob es wahr wäre.

    Und es ist wirklich erschreckend. Noch nie habe ich in all den Jahren einen größeren Kontrast zwischen Taiwan und Deutschland erlebt, wie dieses Jahr zum ersten Mal mit unserer Tochter in Deutschland. Das hat wirklich gesessen. Man kann sicherlich auch in Taiwan alles irgendwie geregelt bekommen, aber ich habe eben z.B. auch die Befürchtung, dass mir meine Tochter später einmal bittere Vorwürfe machen wird, wenn sie etwas über das schöne Schulleben in Deutschland erfährt (….in Taiwan hab ich damit schon desöfteren High School Schülern die Tränen in die Augen getrieben).

    Von daher, mal schauen, jedes Abenteuer geht irgendwann zu Ende und später würde es ja bestimmt auch nicht langweilig werden (….in Gegenwart von Taiwanern halt prinzipiell ausgeschlossen). Exit-Strategien sind allerdings noch keine entworfen, ich könnte also vielleicht noch an meiner Kandidatur zum Bildungsminister arbeiten…nur da muss ich dann jetzt KMT sein, oder?

    Läuft also auch wirklich alles gegen uns…

  4. @Ludigel: ist das dann der deutsche Kindergarten? Wir zahlen hier nur ca EU 60 / Woche in Beitou fuer den Sommerkindergarten.

    Ansonsten: in München kostet der Kindergarten ca EU 500 / Monat, Krippe ist nicht viel zu wollen – da muss man sich dann schon vor Geburt des Kindes anmelden und Glück haben. Auch beim Kindergarten muss man sich bewerben und Glück haben – die Platzsuche kann ziemlich nervenaufreibend sein, bürokratisch ist sie ohnehin.

    In Taiwan (hab ich den Eindruck) sucht man sich einen Kindergarten aus, und wenn ich mir anschaue wie viel meine Kleine hier in den Sommerferien lernt, und wie viel Spaß sie dabei hat – das ist schon ein schönes Gefühl. Man ist da eher in der Kundensituation (wie man sich das eigentlich vorstellt wenn man bezahlt).

    Bezüglich Schule weiß ich aber auch nicht, die endlose Paukerei in Taiwan klingt nicht überzeugend, und wenn meine Frau mir erzählt wie es ihr während der Schulzeit ergangen ist – das klingt auch nicht so toll. Zumindest bis Schulbeginn verpassen eure Kleinen aber nichts, denke ich.

  5. Es stimmt schon, dass das Thema bis zum Schulalter nicht wirklich akut ist. Auch ich habe den Eindruck, dass es den Kleinsten noch mit Abstand am besten geht, es aber dann mit zunehmendem Alter immer schlimmer wird.

    Die Frage ist daher nicht nur, ob man sich für oder gegen die Schule in Taiwan entscheidet, sondern auch zu welchem Zeitpunkt man das tut. In meiner Heimatstadt gibt es zum Glück nicht so große Kindergartenplatzprobleme wie in München, allerdings hab ich mich bislang auch noch nicht wirklich konkret damit befasst. Das wird dann so ungefähr in einem Jahr der Fall sein.

  6. Hallo!

    Also die Kindergaerten in TW sind nicht schlecht. Mein Sohn war in einem bis Sommer 2012 und geht jetzt in Dt. in die Schule. Was er dort gelernt hat, laesst ihm beim Schreiben, Lesen und Rechnen im Vergleich mit seine Mitschuelern schon nicht schlecht abschneiden. Das ist auch der Grund warum wir jetzt kurzfristig und -zeitig in Dt, sind. Er kann sich damit voll und ganz auf sein Deutsch konzentrieren und schreiben und rechnen lernen benoetigt weniger Zeit. Natuerlich geht er jetzt nicht auf ein x-beliebige Grundschule mit 30 Kindern in der Klasse. Da haette er keine Chance. Auch haben wir darauf geachtet, das der/die Lehrer/in zumindest etwas Englisch spricht.

    p.s. In Taiwan braucht man keinen Kinderwagen, da es einfach keine Wege dafuer gibt.

  7. Also ich oute mich mal als „Mensch ohne Verantwortungsgefuehl“🙂 Ich habe meine Kinder, als sie noch klein waren im Kinderwagen bis zum Spielplatz geschoben und auch lebend wieder nach Hause gebraucht. Viele Male! Das ist alles halb so wild. Ich fahre auch selbst Moped und Auto – beides mit Kindern.

    Ein oeffentlicher Kindergarten kostet in Taipei 150E im Monat. Ausserhalb noch weniger. Schliesslich muss es kein privater sein. Die sind ohnehin fraglich, weil dort die Bueffelei schon sehr frueh losgeht. Natuerlich musst Du vielleicht ein wenig suchen oder sogar umziehen – aber das sollte es wert sein.

    Taiwanische Schulen halte ich fuer erstklassig. Auch hier muss man als Elternteil ja nun wirklich nicht jeden Unsinn mitmachen und die Kinder nach Schulschluss auf eine BuXiBan schicken, die nichts weiter kennen, als lernen, lernen, lernen. IdR sind das doch nur Aufbewahranstalten, weil beide Eltern arbeiten. Ist ein Elternteil zu Hause, kann man das anders regeln. Ansonsten gibt es auch andere Nachschul-Angebote: Sport, Musik, Go etc… Die meisten Grundschulen verfuegen ueber einen Schulhort. Dort werden idR nur die Hausaufgaben gemacht und dann koennen die Kinder spielen.

    Nur mit Ausfluegen in die Natur ist es schwierig. Aber das ist zum Grossteil klimatisch bedingt.

    Fazit: Nicht alles schwarz sehen! Taiwan ist lebenswert auch fuer Kinder. Natuerlich muss man als Eltern sich ein wenig umsehen. Und letztlich: Umso mehr Eltern den Leistungsdruck kritisieren und umso weniger Kinder in den Klassen sind, umso weniger Paukerei.

  8. Die Kommentare zu diesem Artikel geben wirklich Anlass zur Hoffnung, vielen Dank!😉 Ich schiebe übrigens auch unsere Tochter mit dem Buggy zum Spielplatz und überall anders hin, aber der Unterschied zu Deutschland ist halt für mich sehr offensichtlich. Ich komme aber auch aus einer Kleinstadt, in der fünf Autos hintereinander schon als großes Verkehrsaufkommen gelten…ich bin von daher wohl einfach zu verwöhnt.

    Im Moment sieht es so aus als ob wir es zumindest erstmal versuchen und schauen werden, wie es so läuft. So wie ich es jetzt mitbekommen habe, scheint das Standardprogramm ohne Extraschichten, aber dafür mit mehr Zeit zu Hause, wohl tatsächlich ein gutes Rezept gegen den allgemeinen Irrsinn zu sein. Und Englisch lernt die Kleine neben Chinesisch und Deutsch sowieso noch nebenbei.🙂

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