Wie ist das eigentlich in China?

Leute ich bin besorgt. In deutschen Internetforen muss ich mich bei Fragen zu Sitten und Gebräuchen und Verhalten und Werten in China fast schon hundertprozentig darauf einstellen, dass die Antworten sehr stark von meinen eigenen Erfahrungen abweichen und viele Antwortgeber anscheinend gar nicht erst den Versuch machen, durch Nachfragen bei ihren chinesischen Ehepartnern, Freunden oder Arbeitskollegen etwas genauere Informationen, sozusagen aus erster Hand, zu erhalten. Stattdessen wird viel vermutet, viel interpretiert und manchmal auch viel missverstanden.

Einige werden sich mit Sicherheit fragen, was mein eigentliches Thema Übersetzung mit der Beschreibung von Sitten und Gebräuchen in China zu tun hat. Sehr viel würde ich sagen. Die Sitten und Gebräuche eines Landes zu kennen ist von elementarer Bedeutung für eine erfolgreiche Übersetzung (…hab ich irgendwo gelesen). Man denke z.B. an die unterschiedliche Symbolik von Zahlen (4=Tod, 8=Glück im Chinesischen vs. 3 (Aller guten Dinge sind drei) oder 13 im Deutschen und anderen westlichen Sprachen) oder Farben (Weiß=Trauer, Rot=Glück in China vs. Weiß=Unschuld, Schwarz=Trauer in Deutschland und anderen westlichen Ländern). Ein anderes Beispiel ist die Bedeutung von traditionellen Festen. Was Weihnachten von der Wichtigkeit her bei uns ist, ist für die Chinesen das Neujahrsfest. Andererseits gibt es für unser Ostern keine chinesische Entsprechung (und somit auch keine Bedeutung für den Osterhasen), genauso wenig wie eine deutsche Entsprechung für das chinesische Mondfest (und somit auch keine Bedeutung für Mondkuchen). Und da bei uns aller guten Dinge drei sind, folgt als drittes Beispiel das beliebte Frage und Antwort Spiel bezüglich so genannter „Fettnäpfchen“, die man als Ausländer in China so sehr fürchten müsse. Zur Begrüßung Hände schütteln, ja oder nein? Uhren verschenken, ja oder nein? Stäbchen aufrecht in den Reis stecken, ja oder nein? In der Öffentlichkeit küssen, ja oder nein? Haus, Eigentumswohnung oder Schmuck zur Hochzeit kaufen, ja oder nein?

Zu all diesen Beispielen gibt es mittlerweile dutzende von Threads in allen möglichen Internetforen und „Chinaguides“ und meinem Gefühl nach auch genau so viele verschiedene Antworten und Ansichten, die mich, wenn ich keine Ahnung hätte (…ich behaupte jetzt einfach mal Ahnung von der Sache zu haben) entweder weiterhin ahnungslos lassen oder mich total verunsichern würden. Beides ist allerdings vollkommen unnötig. Schon Mozi (墨子) soll in etwa gesagt haben: 社會是個大染缸 Die Gesellschaft ist wie ein Farbtopf. Einmal eingetaucht, nimmt man fast unwillkürlich die „Farbe“ der Gesellschaft an. Nach bisheriger Erfahrung kann ich das bestätigen.

Nun ist China allerdings ein ziemlich großer Farbtopf und der Inhalt dieses Farbtopfes auch nicht überall gleich. In Beijing ist er wahrscheinlich etwas anders als in Shanghai und definitiv anders als in Hong Kong oder Taipeh. Ich wundere mich deshalb immer wieder, wie es vielen Menschen dennoch gelingt, alles aus und über China „in einen Topf zu werfen“ und dann mit Aussagen wie „Also in China ist das so und so“ zu kommen. In Bezug auf Sprache habe ich früher genau den gleichen Fehler gemacht. Wenn mich jemand nach einer Übersetzung oder einer Erklärung für chinesische Grammatik gefragt hat, dann habe ich ganz natürlich meine Erfahrung aus Taiwan als allgemeingültige Antwort angesehen. Die Antwort an sich war natürlich nicht falsch, aber auch nicht unbedingt das, was ein Chinese aus Beijing sagen würde. Umgekehrt kommen mir viele Antworten von Muttersprachlern aus Beijing oder anderen Teilen von Festlandchina manchmal etwas merkwürdig vor, da gewisse Dinge halt anders formuliert werden. Mit Sitten und Gebräuchen ist es sehr ähnlich. Der chinesische Kulturraum ist so groß, die Anzahl der darin lebenden Menschen so hoch und die Geschichte dieses Kulturraums so lang, dass es sehr oft selbst für Chinesen nicht möglich ist, allgemeingültige Aussagen über China zu treffen. Stadt- und Landbevölkerung, Reiche und Arme, Moderne und Traditionelle, wirtschaftliche Weltmacht und soziales Entwicklungsland sind alles Aspekte, die in meinen Augen großen Einfluss auf die eigenen Werte haben.

Viele Mitglieder in deutschen Chinesischforen scheinen damit allerdings weniger differenziert umzugehen. Teilweise ist es wirklich haarsträubend wie einzelne Erfahrungen als Chinaspezifisch interpretiert und von Menschen, die offensichtlich noch weniger wissen, als gegeben hingenommen werden. Ich kann nicht beurteilen, wie viele so genannte Chinakenner eigentlich nur ein Trugbild der „Wahrheit“ (…die es in dem Sinne gar nicht geben kann) in sich tragen, aber es sind bestimmt nicht wenige. Manchmal möchte ich dazu gerne einfach mal Dieter Nuhr zitieren, aber wie soll jemand die Fresse halten, wenn er keine Ahnung hat, wenn dieser von sich selbst denkt, voll die Ahnung zu haben? In diesem Moment ziehe ich es dann lieber vor, als Klügerer nachzugeben, denn auch wenn es mir persönlich wichtig ist, gewisse Dinge über China zu bestätigen, zu relativieren oder zu korrigieren, so ist mir China nicht so wichtig, dass ich mich darüber mit anderen großartig streiten würde. Dafür gibt es bestimmt geeignetere Leute als mich, aber offensichtlich noch nicht genug. China ist toll. Als Land, als Kultur, als Heimat von mehr als einer Milliarde Menschen. Aber China ist auch kompliziert. Auf praktisch allen Ebenen. Viel komplizierter als es die meisten Ausländer und auch nicht wenige Chinesen wahrscheinlich erahnen und weitaus vielschichtiger als man allein durch die geographische Ausdehnung vermuten könnte. Deswegen lasst doch bitte die Verallgemeinerungen eigener Erfahrungen sein und macht sie als das deutlich, was sie in Wirklichkeit sind: Ein ganz kleiner Einblick in eine andere Kultur in der Dimension eines einzigen Steines in der Chinesischen Mauer. Oha, da gibt es viele Steine….

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