Kekse, Krisen und Konfuzius

Über chinesische Sitten und Gebräuche scheinen sich auch im 21. Jahrhundert immer noch hartnäckig gewisse Missverständnisse zu halten.

Einige haben sich dank des Internets in den letzten Jahren etwas relativiert, andere scheinen aber munter weiter zu existieren. Ich möchte hier mal die drei Punkte Kekse, Krisen und Konfuzius aufgreifen, um die teilweise doch recht verzerrte Wahrnehmung der chinesischen Lebensphilosophie darzustellen.

Darüber hinaus gibt es natürlich noch unzählige andere Beispiele, aber die schöne Alliteration wollte ich mir für dieses Thema nicht nehmen lassen.😉

Kekse

Das vermeintlich am einfachsten aufzuklärende Missverständnis ist wahrscheinlich das über die allseits bekannten Glückskekse. Um es kurz zu machen, denn die lange Version gibt es bei Wikipedia:

Glückskekse in Chinarestaurants sind eine reine Marketingidee und im chinesischen Raum nahezu unbekannt. Wenn ich mir heutzutage Filme anschaue, welche teilweise versuchen die chinesische Kultur noch immer mit den Weisheiten eines Glückskekses zu charakterisieren, dann weiß ich mittlerweile echt nicht mehr, ob es vielleicht doch nur die ironische Darstellung eines Klischees oder immer noch volle Überzeugung ist. Zusammen mit der auch immer wieder gern herangezogenen Verballhornung der Aussprache (Flühlingslolle) erscheint mir letzteres aber immer noch wahrscheinlicher.

Krisen

Eine immer wieder beliebte Frage in Chinesischforen handelt von der angeblich ach so tollen Bedeutungsvielfalt der chinesischen Sprache, ausgedrückt durch das Paradebeispiel „das Wort für Krise im Chinesischen beinhaltet die Schriftzeichen für Gefahr und Chance; die Chinesen empfinden eine Krise also sowohl als Gefahr als auch als Chance.“ Fehlt eigentlich nur noch ein „Tschakka, du schaffst es!“.

Nun ist dieses Missverständnis durch das Internet mittlerweile auch schon im Wesentlichen aufgeklärt, aber dennoch habe ich in diesem Jahr in mehreren Zeitungen, die sich mit der Finanzkrise beschäftigten, den Bezug auf Gefahr und Chance gelesen. Ich kann zwar verstehen, dass eine Erläuterung wie die folgende ziemlich unsexy für einen schlauen Artikel in einer Zeitung ist, aber dafür gibt sie den Sachverhalt eben richtig wieder:

Der Begriff Krise (危機) besteht jeweils aus einem Schriftzeichen der Begriffe Gefahr (危險) und Chance (機會)

Was stimmt ist, dass jeweils ein Zeichen der Begriffe Chance und Gefahr ein und dasselbe ist: 危.

Was ebenfalls stimmt ist, dass jeweils ein Zeichen der Begriffe Chance und Krise ein und dasselbe ist: 機.

Ein Chinesischstudent merkt sich den Begriff Krise auf Chinesisch höchstwahrscheinlich so:

Krise (危機) = 1. Zeichen von Gefahr (危險) + 1. Zeichen von Chance (機會)

oder

危機 = 危 + 機

Das ist allerdings allenfalls eine Merkhilfe und keine Interpretation der Bedeutung dieses Begriffs. Denn ein chinesischer Muttersprachler nimmt die einzelnen Bestandteile als solche hier gar nicht wahr, zudem besitzt gerade 機 noch eine weitere wichtige Bedeutung, nämlich Maschine.

Der missverständlichen Logik zufolge könnte ich auch ohne weiteres behaupten, dass der chinesische Begriff Krise (危機) aus jeweils einem Schriftzeichen der Begriffe Gefahr (危險) und Maschine (機器) besteht, also:

Krise = Gefahr + Maschine

Terminator lässt grüßen oder was?😉

Was die ganze Angelegenheit zudem noch wie eine Art Etikettenschwindel anmuten lässt, ist die Tatsache, dass ein Chinese vor ein paar 100 Jahren noch nicht mal was mit dem eigentlichen Begriff Krise (危機) anfangen konnte. Denn im klassischen Chinesisch (was schon viele viele viele 100 Jahre alt) ist die Bedeutung von Krise, so wie wir sie heute verstehen, einfach nicht vorhanden!

Das gleiche Problem stellte sich auch den Japanern, die im Laufe des 19. Jahrhunderts durch die zunehmende Öffnung ihres Landes eine Reihe von Begriffen in ihren Wortschatz aufnahmen, deren westliche Bedeutung bis dato so nicht bekannt war. Dazu gehören Begriffe wie z.B. Krise, Chance und auch Maschine. Die heute uns auch auf Chinesisch bekannten Schreibweisen dieser Begriffe geht auf die in China später als in Japan erfolgte Adaption an bisher nicht vorhandene Begrifflichkeiten zurück.

In Japan wurden die neuen Wortschöpfungen nämlich in Kanji, also in chinesischen Schriftzeichen, geschrieben und fanden, als die Zeit auch in China reif dafür war, ohne Änderungen Einzug in den chinesischen Wortschatz. Der Krise als Ausdruck von Gefahr und Gelegenheit liegt also keine jahrtausendealte Weisheitserlangung zwischen Tokio und Tibet zu Grunde, sondern schlicht und einfach die Notwendigkeit durch die Kombination existierender Schriftzeichen mit teilweise erheblichem Interpretationsspielraum neue Denkweisen und Konzepte schriftlich darzustellen.

Inwiefern der allseits zitierte Krise, Gefahr, Chance Dreiklang wirklich eine Rolle bei der Neuschöpfung dieses Begriffs gespielt hat, darüber kann man heute trefflich spekulieren, angesichts der Entstehungsgeschichte schwindet bei mir allerdings das Gefühl einer bedeutungsschwangeren sprachlichen Weisheit und irgendwie werde ich die Assoziation mit einem Terminator jetzt wohl nie mehr los.😉

Viel ausführlicher und vor allem professioneller als ich je jemals könnte, ist diese Thematik übrigens in http://xiucai.oai.de/XiuCai/XiuCaiNo36.pdf ab Seite 59 dargestellt.

Konfuzius

Und wo wir schon mal bei bedeutungsschwangeren sprachlichen Weisheiten aus China sind, so ist Konfuzius auch gleich mit im Spiel.

Konfuzius-Zitate. Mittlerweile scheint ja keine Zitatesammlung im Internet ohne sie auszukommen. Gut zu lesen sind sie wirklich, viel Weisheit steckt auch drin, aber ob der gute Kong Zi vor 2500 Jahren auch bereits auf Deutsch nach den deutschen Rechtschreibregeln des 21. Jahrhunderts geschrieben hat? Wenn ja, dann war er seiner Zeit wirklich um einiges voraus!

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Das bisschen Ironie meinerseits bezieht sich keineswegs auf das Wirken und vor allem den Einfluss von Konfuzius. Mich über kulturelle Denkweisen lustig zu machen stünde auch irgendwie im Gegensatz zu all der Zeit, die ich bislang für das Erlernen und das Anwenden der chinesischen Sprache aufgebracht habe oder noch einfacher ausgedrückt, für mein Leben im chinesischen Kulturkreis, für das ich mich vor einigen Jahren selbst entschieden habe.

Aber zurück zum Thema. In Chinesischforen sind mir bereits einige Fragen begegnet, welche die Rückübersetzung von deutschen Konfuziuszitaten ins Chinesische zum Inhalt hatten. Vielleicht stammten diese aus einem Glückskeks, wer weiß das schon so genau…

Das Problem an der ganzen Geschichte und irgendwie so oft mit der chinesischen Sprache ist: Es geht nicht mal eben so!

Es ist schwierig ein wirklich treffenden Vergleich für den Unterschied zwischen dem klassischen Chinesisch der Konfuzius Zeit und dem modernen Hochchinesisch zu finden. Vielleicht ist es mit dem heutigen Stellenwert von Latein gegenüber dem modernen Hochdeutsch vergleichbar, aber Linguisten werden mir dafür jetzt sicherlich einen auf die Mütze geben….

Tatsache ist jedenfalls, dass heute nur noch ein geringer Teil der chinesischen Bevölkerung überhaupt in der Lage ist, eine Konfuziusweisheit im klassischen Original zu verstehen. Die Unterschiede zwischen klassischem Chinesisch und dem modernen Hochchinesisch sind mittlerweile einfach viel zu groß.

Und da frage ich mich dann: Wie kann es dann eigentlich sein, dass es Zitate von Konfuzius zu allen möglichen Lebenslagen auch als perfekt ausformulierte deutsche Übersetzung gibt?

Ich bewundere die Arbeit von Sinologen wirklich sehr und bin wirklich dankbar, dass sie durch ihre Forschungen über die klassische chinesische Literatur so unendlich viel zu einem besseren Verständnis der chinesischen Kultur beigetragen haben.

Umso mehr bin ich jedes Mal erstaunt, wie gewisse Teile dieser kulturprägenden Literatur als eine Art Zitat-Ramschware im Internet feilgeboten werden, wie der Name Konfuzius als weiteres Merkmal einer vermeintlich gegenüber allem anderen tiefgreifenderen Bedeutung (siehe Krise) herhalten muss und wie wenig ein Zitat eigentlich über das Gesamtbild aussagt.

Wenn man sich aus der Konfuzius Zeit überlieferte Texte heute so anschaut, dann erscheint bei vielen der Interpretationsspielraum riesig zu sein. Ich würde gerade noch so weit gehen zu behaupten, dass man die grundlegende Bedeutung mit viel Mühe und Erklärung mit dem modernen chinesischen Wortschatz wiedergeben kann, aber sicherlich nicht mit dem Deutschen. Es fehlen bei der Übertragung in eine vollkommen andere Sprache einfach die Assoziationen, die so sehr den Inhalt des klassischen Chinesisch bestimmen.

Da die Bedeutung auf Deutsch aber natürlich auch gut klingen soll, wird der Aufbau dann einfach irgendwie so umgestellt, dass es am Ende wieder passt, also so eine was nicht passt wird passend gemacht Aktion. Mit einem Konfuziuszitat hat das dann aber meist nur noch wenig zu tun. Ich kenne viele Deutschchinesen, die mit den deutschen Varianten auf den Zitateseiten überhaupt nichts mehr anfangen können, weil sie bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt wurden. (die Zitate wohlgemerkt, nicht die Chinesen!)

Daher sollte man Zitate von Konfuzius und allen anderen bekannten chinesischen Philosophen auf Deutsch (und eigentlich auch auf allen anderen Sprachen als Chinesisch selbst) meiner Meinung nach nur als kleine Hilfe zum selbständigen Verständnis ansehen. Denn praktisch jeder von uns würde bei seiner eigenen Interpretation zu einer anderen Übersetzung gelangen.

Natürlich ist es nie verkehrt ein in sich schlüssiges Zitat an geeigneter Stelle anzubringen. Als Stilmittel ist so etwas hervorragend geeignet. Aber man sollte sich bewusst sein, dass man es auf Deutsch allenfalls mit einem Remix des Originals zu tun hat. So ähnlich wie vielleicht chinesisches Essen in einem deutschen Chinarestaurant, inklusive Glückskeks: sieht zwar immer noch wie Chinesisch aus, schmeckt mehr zuweilen vollkommen anders…

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