Wie Chinesisch lernen

Recht häufig erreichen mich Fragen darüber, wie man denn nun eigentlich am besten Chinesisch lernt. Am Anfang scheint die chinesische Sprache ja so viel Neues und Unbekanntes zu bieten, dass man gar nicht weiß wo man anfangen soll und ob das jemals aufhören wird. Nun, wer perfekt sein will, wird niemals aufhören dürfen, davon soll dieser Text aber nicht handeln. Im Moment komme ich nämlich mit einem guten bis sehr guten Chinesisch problemlos in Taiwan zurecht und es bis zu diesem Punkt zu schaffen fand ich gar nicht mal so schwer.

Ich habe da allerdings wohl ziemlich leicht reden, denn schließlich habe ich von meinen ersten chinesischen Sätzen an in Taiwan gelebt und zudem über zwei Jahre lang fast täglich einen Chinesischkurs besucht. Wenn ich es so nicht geschafft hätte, dann wohl nie! Im Folgenden möchte ich aber trotzdem all diejenigen, die nicht jahrelang in einem chinesischsprachigen Land Chinesisch lernen können, ein wenig davon berichten, was ich in Bezug auf Chinesisch lernen als wichtig erachte und was man vielleicht entgegen der Empfehlung vieler Lehrbücher etwas gelassener angehen könnte.

Grundsätzlich sollte man sich zu Anfang immer die Frage stellen, für was man eigentlich Chinesisch lernen möchte. Die Möglichkeiten sind ja sehr vielfältig. Die einen lernen „auf Verdacht“, weil Chinesisch für sie in der Zukunft von Bedeutung sein könnte, andere sind fasziniert von chinesischen Schriftzeichen und möchten sich einfach mehr mit ihnen und der gesamten Sprache befassen, andere haben persönliche Bindungen zu China und wieder andere arbeiten im chinesischen Sprachraum und sind zum Teil wirklich auf Chinesischkenntnisse angewiesen.

Schriftzeichen lernen?

Ich denke, dass die grundsätzlichen Schwerpunkte in den zuvor genannten Gruppen alle etwas unterschiedlich sind. Die Hauptfrage ist aber in allen Fällen gleich: Wie viel Zeit soll in das Erlernen von Schriftzeichen investiert werden oder ist das Erlernen überhaupt nötig?

Wenn wir uns für einen Moment mal die chinesischen Schriftzeichen weg und ein lateinisches Schriftsystem wie dem unseren vorstellen und dazu noch die relativ einfache Grammatik des Chinesischen….dann würde Chinesisch in meinen Augen zu den einfachsten Sprachen der Welt gehören, noch einfacher als Englisch!

Die gute Nachricht ist ja, dass es mit Hanyu Pinyin so ein lateinisches Schriftsystem für die chinesische Sprache gibt, die schlechte Nachricht ist aber, dass es in längeren Texten dabei öfters zu Missverständnissen kommen kann. Ich möchte nicht so weit gehen zu behaupten, dass Chinesisch in einem lateinischen Schriftsystem unverständlich wäre, aber es würde auf jeden Fall einen Großteil seiner sprachlichen und ästhetischen Vielfältigkeit einbüßen.

Die Antwort auf die Frage Schriftzeichen lernen Ja oder Nein lautet also von meiner Seite grundsätzlich Ja!

Die anschließende und wahrscheinlich viel schwierigere Frage lauter dann aber: Wie viel Zeit sollte man in das Erlernen der Schriftzeichen investieren?

Nun, ich denke gerade da kommt dann der eigene Anspruch wieder ins Spiel. Bedenken sollte man ja auch, dass Chinesisch mehr als nur Schriftzeichen ist. Zwar besitzt es in meinen Augen eine relativ einfache Grammatik, aber auch die ist anfangs ziemlich gewöhnungsbedürftig. Zudem muss man die Aussprache als doch recht kompliziert betrachten. Sich dort reinzufinden braucht anfangs auch seine Zeit.

Ich habe es für mich nach der Anfangsphase so gehalten: Ich wollte immer im Stande sein, die chinesischen Schriftzeichen in der jeweiligen Lektion zu verstehen, aber nicht unbedingt zu schreiben.

Chinesisch am PC – Kein Problem!

Der Grund dafür ist schlichtweg rational: Außerhalb der Schule werden chinesische Schriftzeichen heutzutage meiner Einschätzung nach in 90% aller Fälle am Computer erzeugt. Um ein chinesisches Schriftzeichen am Computer zu erzeugen brauche ich das Schriftzeichen aber nicht unbedingt genau im Detail zu kennen (…so dass ich es fehlerfrei mit der Hand schreiben könnte), sondern nur dessen Aussprache und Form insoweit, als dass ich es in einem Text als das richtige Zeichen wiedererkennen kann.

In meinem Alltag in Taiwan spielt die Notwendigkeit chinesische Schriftzeichen handschriftlich zu erzeugen eine vollkommen nebensächliche Rolle und ob man es glaubt oder nicht, handschriftlich bin ich zur Zeit gerade noch in der Lage meinen Namen und meine Adresse auf Chinesisch zu schreiben! Am Computer verfasse ich jedoch Artikel wie diese auf Chinesisch und es fällt mir noch nicht einmal sehr schwer.

Sollte man also das Schreiben per Hand überhaupt nicht üben? Das wäre in meinen Augen auch ziemlich problematisch und damit wird vielleicht deutlich, dass es wohl keinen Idealweg zwischen den verschiedenen Lernmethoden gibt. Man sollte sich schon grundlegend auch mit dem Schreiben von chinesischen Schriftzeichen befassen, allein schon um sich mit gewissen Zusammenhängen und Regelmäßigkeiten vertraut zu machen.

Nur bin ich kein Freund von irgendwelchen Vorgaben und Zählweisen wie z.B. „Ich kann schon 527 chinesische Schriftzeichen schreiben“. Das ist schön und verdient Respekt, nur wird einem das nichts nützen, wenn man dem Busfahrer im Bruchteil einer Sekunde mitteilen muss, dass ein Fahrgast es bislang nur zur Hälfte in den Bus geschafft hat (…wirklich geschehen, aber keine Sorge, weder dem Fahrgast noch dem Bus ist am Ende etwas Schlimmes passiert und ich war auch nicht der Fahrgast!).

Ich habe es für mich so gelöst: Am Anfang habe ich auch intensiv Schriftzeichen geübt, nach einer gewissen Zeit aber nur noch wenn es wirklich nötig war (…z.B. für Tests). Mit Sicherheit hat mich das in so manchen schriftlichen Tests einige Punkte gekostet, aber lieber die als meine Nerven und etliche Stunden Schlaf.😉

Echtes Chinesisch vs. Lehrbuchchinesisch

Auf einer anderen Seite war ich aber ganz und gar nicht so lässig, und zwar wie vorher schon angedeutet beim Verstehen von chinesischen Schriftzeichen. Dabei war es mir allerdings auch nicht unbedingt wichtig, alle Schriftzeichen eines Textes zu 100% fehlerfrei identifizieren zu können, sondern vielmehr zu verstehen warum genau diese Schriftzeichen verwendet wurden.

Wer sich mal mit Chinesisch außerhalb normaler Lehrbücher befasst hat, der wird glaube wissen, dass man viele Begriffe im Chinesischen verkürzt wiedergeben kann. Soweit der Kontext bekannt ist können da aus sechs oder acht Schriftzeichen schon mal nur zwei Schriftzeichen werden. Zudem gibt es nicht wenige Begriffe, die von deutschen oder englischen Wörterbüchern nur ungefähr wiedergegeben und manchmal unzureichend voneinander getrennt werden können.

Es ist sehr oft eine ziemliche Qual den Text eines chinesischen Muttersprachlers nachvollziehen zu wollen, aber ich finde, dass es mir sehr geholfen hat. Lehrbuchtexte empfinde ich sehr oft als recht hölzern und nicht wirklich natürlich, erst als ich mich mit „echtem“ Chinesisch befasst habe, hatte dies meiner Meinung sofort Auswirkungen auf mein allgemeines Chinesischverständnis.

Die Krux mit der Aussprache

Was nützt einem aber eine gewisse Eloquenz, wenn man sie nicht vernünftig kommunizieren kann? Wie bereits erwähnt, sollte man die chinesische Aussprache ganz und gar nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aus der Mutter kann da ziemlich schnell ein Pferd werden oder auch schimpfen…im schlimmsten Fall schimpft dann die Mutter auf das Pferd (…was man dann wohl selbst ist ;)) Aber bei all diesen Fettnäpfchen, die immer mal gern in Bezug zur chinesischen Aussprache genannt werden, ist es ganz so schlimm nun auch wieder nicht….auch für deutsche Sprachschüler lauern da so einige Gefahren, z.B. wenn man die Endung von „ich“ eher wie „sch“ als wie „ch“ ausspricht und das folgende Wort „heiße“ lautet….und ich frage jetzt besser mal nicht, ob es hier jemanden gibt der Reinsch heißt!😉

Das Beispiel soll verdeutlichen: Ja, mit der falschen chinesischen Aussprache kann man sich auch schon mal richtig ins Fettnäpfchen setzen, aber auch nur in ganz bestimmten Zusammenhängen. Dennoch ist genau wie bei den Schriftzeichen eine grundlegende Kenntnis unabdingbar. Die erste Woche meines Chinesischkurses handelte praktisch nur von Aussprachetraining und während der ersten drei Monate ging es zwei Mal pro Woche ins Sprachlabor. Solche Bedingungen sind natürlich vergleichsweise traumhaft, machen aber allein auch nicht wirklich den chinesischen Ausspracheprofi.

Auch hier galt: Erst als ich mich von der Standardaussprache im Unterricht weg und zur normalen Aussprache auf der Straße hin bewegt habe, erst da habe ich wirklich Spaß gehabt mein Chinesisch auch wirklich zu benutzen. Dass dies ohne das vorherige Training überhaupt nicht möglich gewesen wäre, ist mir schon klar. Allerdings weiß ich auch, dass ich heute bewusst manche Dinge anders mache, manche aus Lehrbuchsicht sogar falsch, man mich aber so besser und vor allem natürlicher verstehen kann, als mit einer lupenrein lehrbuchmäßig geschliffenen Aussprache.

Ich habe heute kaum noch eine Ahnung, in welchem Ton die allermeisten Schriftzeichen ausgesprochen werden….ich mache es einfach nach Gefühl und nach Ohr…was bei meinen relativ großen Ohren wohl auch gut zu funktionieren scheint.😉

Manchmal führt das natürlich auch zu Problemen….gerade dann, wenn man vielleicht nur ein oder zwei Wörter aussprechen muss, also ein gewisser Kontext fehlt. Aber verglichen zum Zeitaufwand, um auch diese relativ seltenen Probleme zu meistern, leiste ich mir zur Not lieber ein paar Sätze zur weiteren Erklärung. Mit der Methode konnte ich mich in den letzten Jahren immer verständlich machen.

Fazit

Wie jede andere Sprache setzt sich Chinesisch aus verschiedenen Fertigkeiten zusammen, die in Beziehung zueinander stehen. Am Anfang sollte man sich wirklich intensiv um ein stabiles Fundament bemühen, d.h. die Grundlagen der Schriftzeichen und die Aussprache lernen. Dieser Ansatz ist wahrscheinlich für alle gleich, darüber hinaus stehen einem, wie bei einem Haus, aber alle Möglichkeiten der freien Gestaltung offen. Und genau diese Möglichkeiten außerhalb einer starren Vorgabe für sich selbst zu erkennen, ist meiner Meinung nach neben der obligatorischen Langzeitmotivation und der Bereitschaft „sich auch mal auf den Hintern zu setzen“ ein Schlüsselfaktor für ein gutes, ein natürliches Chinesisch ohne Angst vor Fehlern.

3 Gedanken zu “Wie Chinesisch lernen

  1. Wie viel Zeit sollte man in das Erlernen der Schriftzeichen investieren?
    Man kann die Zeit dadurch verringern, indem man nicht nur stur paukt sondern strukturiert vorgeht und sich auch mit den Radikalen, Phonetika (Komponenten) und deren Bedeutungen beschäftigt.
    Meine Webseite „Täglich Chinesisch“ – http://taeglich.chinesisch-trainer.de/index.php?alle=2 – geht diesen Weg und erleichtert mittels Merkwörtern und Merksätzen das Erlernen. Auch Kollokationen erschließen sich leichter, wenn man jedem Zeichen Merkwörter zuordnet. Momentan sind ca. 1500 wichtige Zeichen erklärt.

    • Hallo Hans-Peter!

      Schreib doch gleich, dass deine Seite von hier aus verlinkt werden sollte, keine falsche Bescheidenheit, denn du hast es auf jeden Fall verdient! Wenn ich etwas mehr Zeit habe, werde ich jetzt endgültig mal meine private Linksammlung hier online stellen, da bist du dann natürlich auch drin enthalten.🙂

  2. Pingback: Wie viele Zeichen muss man lernen, um Chinesisch zu lernen? « Allgemeinbildung – gut zu wissen…

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