Was für ein Theater hier!

Mensch, das war aber auch ein Theater hier in den letzten Wochen! Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe neben meinem Chinesischstudium und den zahlreichen Nebenjobs die restliche Zeit dieses Monats damit verbracht, Theateraufführungen der Deutschabteilung mit vorzubereiten. Geringfügig wurde ich dafür sogar bezahlt, obwohl es für mich darum eigentlich nicht ging. Ich finde, es macht einfach Spaß mit Deutschlernenden Taiwanern zusammen zu arbeiten, vor allem jetzt, da ich ihnen so manche Dinge auch auf Chinesisch erklären kann.

Insgesamt kann ich mich für drei verschiedene Theateraufführungen mitverantwortlich zeichnen, wobei es bei mir in erster Linie um Aussprache und darstellendes Spiel ging. Die ersten beiden Aufführungen waren im Rahmen eines schulinternen Wettbewerbs des ersten Jahrgangs der Deutschabteilung von Studenten, die also gerade erst etwas mehr als ein halbes Jahr Deutsch gelernt haben. Es ging um die Aufführung kurzer Theaterstücke aus dem Bereich Märchen. In meinen beiden Gruppen wurden dementsprechend eine Version von „Pinocchio“ bzw. „Frau Holle“ gespielt. Meine Güte, beides Märchen, die ich seit dem Kindergarten nicht mehr gehört hatte! Meine Arbeit begann mit der Verbesserung der Aussprache und ich war doch überrascht, wie gut sie es dahin schon konnten. War aber auch kein großes Wunder. Ihre Lehrerin ist so etwas wie eine gute Aussprache Fanatikerin, die bei jedem Fehler (für Chinesen ziemlich untypisch) sehr autoritär reagiert und zwanzigjährige Studenten auch mal zur Strafe in die Ecke stellt. Ich bin kein wirklicher Freund solcher Methoden, aber sie funktioniert und zwar so gut, dass ich feststellen muss, so eine relativ gute Aussprache noch nie vorher gehört zu haben.😉

Natürlich gibt es immer wieder noch kleinere Fehler, die sich wohl nie abstellen lassen werden können, aber ich hatte ehrlich gesagt bei manchen Deutschen schon mehr Probleme sie zu verstehen, als es bei dieser Gruppe von taiwanischen Studenten der Fall war.🙂

Der spielerische Teil war auch nicht unbedingt schwer einzuüben, allerdings oft, sehr oft sogar. Es ist ziemlich interessant zu sehen, wie zurückhaltend anfangs auf der Bühne gespielt und wie es bei jedem weiteren Üben dann schrittweise lebhafter wird. Ich glaube, man muss die Taiwaner nur mal so richtig aus der Reserve locken, um sie mal ihre traditionelle Zurückhaltung kurzfristig vergessen zu lassen.

Und was soll ich sagen? Nach einem spannenden Wettbewerb von insgesamt sechs verschiedenen Gruppen hat „Pinocchio“ doch tatsächlich gewonnen! Am Ende hat jeder irgendwie einen Preis bekommen, aber es kann halt nur einen Ersten geben. Das ist deshalb so wichtig, da der Sieger dieses Wettbewerbs zu einem weiteren Vergleich mit Deutschabteilungen anderer Universitäten fährt und jetzt ratet mal….auch diesen Vergleich entschied die „Pinocchio“ Truppe für sich!! Eine ganz tolle Leistung für Studenten des ersten Jahrgangs finde ich und ich hoffe, dass ihnen dieser Erfolg weitere Motivation für das Lernen der deutschen Sprache gibt.

Dieses war aber wie gesagt nur der erste Teil. Der zweite und weitaus schwierigere begann eigentlich schon vor knapp einem halben Jahr, als ich das erste Mal das Buch zum Theaterstück „Adam Geist“ von Dea Loher las. Mich würde es wundern, wenn jemand das Stück jetzt spontan kennen würde, da es für Theaterverhältnisse eigentlich noch brandneu ist (Uraufführung 1998). Dieses Stück hat sich die Theaterklasse des dritten Jahrgangs der Deutschabteilung ausgesucht auf der Bühne zu spielen, knapp zwei Stunden, natürlich komplett auf Deutsch.

Ich habe im letzten Jahr bereits die Gelegenheit gehabt, ein anderes Theaterstück des damaligen Kurses besuchen zu dürfen und war schlichtweg begeistert von der tollen Leistung der Studenten, so dass ich mir für dieses Jahr fest vorgenommen hatte bei Bedarf mitzuhelfen.

So war ich dann auch jeden Samstag Morgen bei den Proben dabei, Aussprache korrigieren, Spielszenen erklären usw. Das Gute daran war, dass ich die meisten Leute schon vorher ganz gut kannte, da sie im gleichen Jahrgang wie Frl. Taiwanoca sind (die übrigens auch im Theater mitspielte). Es war also immer ein relativ hoher Spaßfaktor dabei, obwohl das Theaterstück alles andere als eine Komödie ist.

Zum besseren Verständnis hier mal ein kleiner Textauszug von Frl. Taiwanocas Rolle:

adam-geist_003

Ganz schön heftig, oder? Dabei ist dieses eigentlich noch eine harmlose Variante des Originalstückes, welches wir unter keinen Umständen auf die Bühne hätte bringen können. Um es ehrlich zu sagen ist dieses Theaterstück äußerst provokativ, nicht jugendfrei, Gewalt verherrlichend und ausländerfeindlich, kurzum ein Spiegel unserer heutigen Gesellschaft, natürlich übertrieben fixiert auf nur eine einzige Person, aber in Ansätzen erschreckend real.

Die Frage war nun, ob es möglich sein würde, taiwanischen Deutschstudenten im dritten Jahr in die Lage zu versetzen, dieses Stück mit so einem Inhalt überzeugend auf die Bühne bringen zu können. Wieder einmal musste ich erkennen, dass das Ausdrücken von Gefühlen wie Wut, Trauer, Hass, Verzweiflung den Studenten in Taiwan viel größere Probleme bereitet als in Deutschland. Der Grund liegt einfach in der Erziehung und dem oftmals zitierten Gesicht bewahren in der Öffentlichkeit. Es hat daher schon einer Menge Überzeugung bedurft, bis es spielerisch auf einem überzeugendem Niveau war.

Dazu kam ja dann aber auch noch das ganze Drumherum. Bühnenbild, Kostüme, Licht, Ton, Plakate, Programmhefte, Einladungen und Sponsorensuche und wohlgemerkt, alles während des normalen Universitätsalltags und Nebenjobs. Letzten Endes waren dann die letzten paar Tage vor der Aufführung die anstrengendsten mit stundenlangem Üben, Kostüm-, Licht- und Tonproben und irgendwo ging immer was schief oder wollte nicht so klappen wie erwartet.

Und dann kamen die beiden Abende der Aufführung, beide Male vor vollbesetzten Rängen (ausverkauft kann ich in diesem Fall nicht sagen, da die Aufführung kostenlos war) und alles klappte nahezu reibungslos!. Ich saß als Souffleur direkt hinter der Bühne und konnte also nur zuhören, aber ich hab mir sagen lassen, dass auch die spielerische Leistung aller Akteure sehr ordentlich und mitreißend war.

Eigentlich schade, dass nun diese manchmal stressige, aber auf jeden Fall interessante und spaßige Zeit der Vorbereitung mit diesen jeweils knapp zweistündigen Auftritten an zwei Abenden ihr Ende genommen hat. Für alle Beteiligten, mich natürlich eingeschlossen, wird dieses dennoch eine lang bleibende Erinnerung bleiben mit der Gewissheit durch viel harte Arbeit wieder einmal etwas sehr Großes geleistet zu haben und wer weiß….falls mich im nächsten Jahr wieder jemand anrufen und um Hilfe fragen würde, wäre ich um ein zweites Mal bestimmt nicht abgeneigt.

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