Jetzt geht’s ab hier!

Es gibt so bestimmte Sachen in Taiwan, die ich wahrscheinlich nie wieder vergessen werde, so zum Beispiel folgende Geschichte, die sich gestern Abend hier abgespielt hat:

Ich bin in Neihu gewesen, um wieder ein bisschen Englisch zu unterrichten, womit so etwa gegen 21.20 Uhr fertig war. Von Neihu aus bis nach Hause in Xinzhuang muss ich mit zwei Bussen fahren, welches insgesamt etwas länger als eine Stunde dauert. Eigentlich kein Problem, denn normalerweise muss man hier nie länger als 5 bis 10 Minuten auf einen Bus warten. Nun ist die Straße, in der die Bushaltestelle liegt eine Einbahnstraße, und sowohl die Busse, die aus Taipei kommen als auch nach Taipei fahren, halten auf der gleichen Seite, nur wenige Meter voneinander entfernt. Wenn man also einem Bus zuwinkt muss man erstmal drauf hoffen, dass er auch in die Richtung (in meinem Fall nach Taipei) fährt, falls nicht, dann winkt der Busfahrer ebenfalls (nämlich ab) und fährt dann einfach weiter.

Die ersten drei Busse, die dieses gestern taten, kamen mir ja noch normal vor, bei Bus vier und fünf wurde ich dann doch langsam ungeduldig, zumal es immer später wurde und ich ja auch noch meinen Anschlussbus erwischen musste. Mittlerweile hatte ich schon eine halbe Stunde gewartet und es passierte einfach nichts. Neben mir hatte noch ein älterer Herr auf den gleichen Bus gewartet, bis es ihm wohl zu lange dauerte und er seinen Motorroller aus der Garage holte und davonfuhr (…warum er das nicht gleich machte, bleibt wohl sein Geheimnis). Jetzt stand ich also ganz allein da, müde, hungrig und ohne zu wissen, ob ich es überhaupt heute noch nach Hause schaffen würde. Als fünf Minuten später Bus Nummer sechs mit einem (ab)winkenden Busfahrer an mir vorbeirauschte war es mir dann echt zu viel.

Um kurz nach 22 Uhr, ich hatte also bereits mehr als 40 Minuten gewartet kam dann Bus Nummer sieben um die Ecke, welcher (ihr ahnt es schon) natürlich trotz heftigen Winken meinerseits auch nicht der richtige Bus sein wollte, worauf ich dann einfach mal mitten auf die Straße trat und der Fahrer einfach anhalten musste (…die Situation erinnert irgendwie an den Studenten, der 1989 in Beijing alleine vor den Panzern stand, schaust du hier). Er öffnete sogar die Tür und dann ging’s los.

Ich bitte zu beachten, dass alle folgenden Gespräche ausnahmslos auf Chinesisch gehalten wurden!

Natürlich war der Busfahrer nicht gerade erfreut, dass ich gerade seinen Bus so abrupt kurz vor seinem Feierabend gestoppt habe, welches er mir auch in diesem Busfahrer-typischen-Taiwan-warum-spricht-der-eigentlich-ganz-anders-
als-ich-es-in-der-Schule-lerne-Dialekt erzählte, wie auch immer, ich hab das Meiste verstanden. Nun kam ich und fragte ihn, warum zum Geier seit mehr als 40 Minuten kein sch*** Bus in Richtung Taipei fahre, was er mir zwar leider nicht beantworten konnte und sich nochmals darüber beklagte, dass ich gerade seinen Bus anhalten musste. Er bot mir aber an, mit ihm zur Endstation der Buslinie zu fahren und dort auf den nächsten startenden Bus zu warten, was ich dann auch tat. Zum Glück dauerte es nur 5 Minuten, in denen er mich immer wieder fragte, warum ich denn gerade seinen Bus anhalten musste und ich ihm immer wieder sagte, dass 40 Minuten Wartezeit einfach zu lang seien und es mir vollkommen egal sei, wer jetzt gerade diesen Bus Nummer sieben fährt.

Endlich an der Endstation angekommen musste er natürlich gleich seinen Kollegen erzählen, dass ein verrückter Ausländer (also ich) einfach seinen Bus angehalten hätte, worauf ich gleich hinterher bin und mir erstmal den Buslinienmanager (?) gegriffen habe. Zumindest sah er so aus, saß er doch hinter einem Schreibtisch und hatte anscheinend zu sagen, wer wann wohin zu fahren hat. Also das Gleiche noch mal (…natürlich Chinesisch versteht sich), 40 Minuten gewartet, kein Bus in der richtigen Richtung weit und breit usw. usw. hätte ich diesen Bus nicht angehalten, hätte ich wohl auf der Straße übernachten oder mit einem Taxi für teuer Geld nach Hause fahren müssen.

Ok, der Buslinienmanager (?) hat sich dann vielmals entschuldigt, ohne selbst zu wissen, warum so lange kein Bus in die Straße fuhr. Ich selbst vermute ja stark, dass die Fahrer einfach keinen Bock hatten auch abends in die Einbahnstraße zu fahren, obwohl es genau so in ihrem Plan steht, man kann nämlich auch eine Abkürzung fahren und sich somit diese Straße sparen.

Na ja, wie auch immer, gemeinsam haben wir dann den Weg für die Rückfahrt geplant, schließlich war es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr klar, ob ich in Taipei noch jeden Bus erwischen würde. Wir haben dann beschlossen, dass die Kombination Bus-U-Bahn-Bus am Besten wäre, um doch noch auf dem letzten Drücker den letzten Bus zu erreichen. Irgendwann nach 10 Minuten Quatscherei ist dem Buslinienmanager (?) dann aufgefallen, dass ich ja gar kein Taiwaner bin und trotzdem die ganze Zeit mit ihm diskutiere. Er war dann voll des Lobes für mich und wir haben dann noch ein bisschen über Deutschland (er wusste zumindest, dass München eine Stadt in Deutschland ist, allerdings nur unter der chinesischen Transkription „mu ni hei“) und die Welt gesprochen, bevor dann um 22.30 Uhr endlich der Bus Richtung Taipei losfuhr. Die Rückfahrt hat dann Gott sei Dank noch ohne Probleme geklappt und ich war so gegen 23.45 Uhr zu Hause.

Zuvor war ich im Bus innerlich wie äußerlich nur noch am Grinsen. Ich wusste gar nicht, dass ich auf Chinesisch so was von gut Schimpfen kann. Ich weiß ja, Eigenlob stinkt, aber das war gestern Weltklasse Chinesisch von mir. Jedes Wort, das ich sagen wollte kam mir in den Sinn in der Geschwindigkeit, in der ich normalerweise Englisch rede und, noch viel besser, alle haben mich ohne Probleme verstanden. Es war nicht dieses drei Mal versuchen und hoffen, dass es wer versteht, sondern schön locker vom Hocker gequasselt ohne auch nur einmal ins Stottern zu geraten. Genial. Das gestern war mehr wert als jedes Examen, dass ich jemals schreiben werde. Da stehe ich irgendwo in Taiwan in einer Busstation und mach die Fahrer rund, auf Chinesisch, allein, und meinetwegen hätten wir noch einige Zeit länger quatschen können. Ich denke, mein spontan bei 7-11 gekauftes Feierabendbier hatte ich mir danach mehr als verdient!

Noch eine Anekdote zum Schluss. Beim Verlassen der Busstation wünschte mir der Buslinienmanager in einem Anflug von englischer Sprache ein „See you next time!“. Wäre ich nicht in Taiwan, würde ich das als glatte Drohung interpretieren, in der Art und Weise wie er es gesagt hat, weiß ich aber, dass er einfach nur versuchte nett zu sein und sich zu verabschieden. Ich habe dann aber drauf verzichtet ihm meinen Gedanken in dieser Situation mitzuteilen. Sollte es wirklich ein nächstes Mal (…und nächste Woche fahre ich wieder zum Unterrichten dort hin) geben, dann gnade ihnen Gott. Ich plane mich ab jetzt intensiv mit den schlimmsten chinesischen Schimpfwörtern und Flüchen zu beschäftigen. Schimpfen gehört in Taiwan nämlich zum Alltag und dem bin ich gestern ungewollt, aber gekonnt ein ganzes Stück näher gekommen.🙂 佳作 !!!

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